Ostafrika für Anfänger (Dez. 2010), pt.2

Zanzibar

Traum der „Karibik“ und Name jeder zweiten Proletenkneipe. Genau in diesem Zwiespalt liegt auch diese Insel. Nun ja, in der Karibik liegt Zanzibar zwar nicht, sondern unmittelbar vor der Küste einiger der ärmsten Länder der Welt, was den Pauschaltouristen aber nicht davon abhält, hier in unerträglichem Maße seine Existenz zu präsentieren. Zanzibar gehört offiziell zur Republik Tanzania, ist aber teil-autonom und besitzt ein eigenes Parlament. Die Insel ist arabisch geprägt und die Bevölkerung zu 99% muslimisch, mal strenger, mal weniger.

Von Mitte des 19. Jahrhunderts an wurde Zanzibar , ebenso wie ein Großteil der Ostküste Afrikas von arabischen Seefahrern in ‘Selbstverwaltung’ eingenommen, vergleichbar mit der Invasion spanischer und portugiesischer Okkupisten einige Jahrhunderte zuvor an der Küste Südamerikas. In der Folge wurde Zanzibar bis zu Beginn der 1960er Jahre vom Sultan von Oman regiert.

Wer sich weiter über die Geschichte Zanzibars informieren will findet in den einschlägigen Informationsdiensten genug Material!

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Nach einer fast unerträglichen halben Stunde in der prallen Sonne und in großem Gedränge habe ich es geschafft, in Dar Es Salaam die Fähre zu besteigen. Gleich hinter dem Einlass wurde mir mein Rucksack abgenommen – fast sogar vom Rücken gerissen – und auf dem Bug mit den Gepäckstücken der anderen Mitfahrern verstaut. Das Innere des Bootes war klimatisiert und erstaunlich luxeriös. Mit ‘Rumble in the Bronx’ auf den Bildschirmen startete dann das Boot pünktlich mit nur einer halben Stunde Verspätung über den Kanal.

Die Ankunft auf Zanzibar war weniger romantisch als man sich das so vorstellen mag. Linker Hand befindet sich der dreckige Fracht- und Fährhafen. Rechter Hand ist der Strand mit erschreckend verkommenen Hausfassaden im Hintergrund. Nachdem ich mein Gepäck unter einem großen Haufen heraus gewühlt hatte, musste ich zur Immigration und war schon wieder total verschwitzt. Vor dem Tor standen gleich die Touristenfänger, die einem ein Zimmer andrehen wollen. Hatte aber am Vortag schon telefonisch reserviert und gleich der erste der mich angelabert hat, war von meinem Guest House, also konnte ich die lästigen Schlepper umgehen. Hab dort aber nur mein Zeug abgestellt und bin gleich mal los, um die Umgebung zu erkunden. Nach einem schweißtreibenden Rundgang bin ich zurück ins Zentrum von Stonetown, der Hauptstadt.

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Hier wird einem wirklich alles angedreht. Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Gewürze, Klamotten, Souvenirs, T-Shirts oder CDs. Da man die CDs nicht Probe hören kann, latschen die fliegenden Händler dann neben einem her und singen jedes Lied auf der CD mal an. Sehr schön. Aber nach kurzer Zeit auf dem Markt hatte ich aber dann auch so ‘n Touristenschlepper am Hals, der mich in jedes Geschäft ziehn und mir alles zeigen wollte. Der hat aber einfach nicht kapiert, dass er mich in Ruhe lassen soll. Irgendwann habe ich ihn vor laufen lassen und bin dann schnell zweimal in den verwinkelten Gassen abgebogen und weg war er, puh. Aber ich hab mich zu früh gefreut. Keine 10 Minuten später hatte ich wieder einen an der Backe kleben. Bin mit dem Typ dann eben doch durch die Gassen geschlendert, da ich es Leid war nur zu motzen, und ich muss sagen, er hat sich als wirklich netter Typ erwiesen. Er wollte am Ende nicht mal Geld haben. Bin mit ihm dann noch in die Freddy Mercury Bar direkt am Strand mit herrlichem Blick über das Meer, der für die schäbigen Fassaden in Stonetown entschädigt.

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Am nächsten Morgen wurde ein kostenloses, opulentes Frühstück serviert, was hier nicht gerade üblich ist. Dazu lief Wrestling im Fernsehen. Während es bei mir Marmeladen-Toast, Obst, Eier und Tee gab, aßen die Angestellten das traditionelle Ugali, ein schlonziger Getreidebrei, der nach absolut nichts schmeckt. Danach bin ich in die Stadt um mich nach Ausflügen zu erkundigen, da man alleine sonst nicht viel von der Insel zu sehen bekommt. Da ich etwas spät dran war hab ich mich von ‘nem Typ auf der Straße an labern lassen, wovon einem allerdings immer abgeraten wird – aber: No risk no fun! Der Typ hat mich gleich mitgenommen und in eine Spice-Tour gesteckt, die sogar günstiger war als bei vielen anderen Anbietern. Also wieder Glück gehabt. Im Minibus ging es dann mit einigen ätzenden Pauschaltouristen in den Norden auf eine Obst- & Gewürzplantage. Hier wird multikulturell angebaut, also die verschiedensten Sorten direkt nebeneinander: Pfeffer, Ananas, Jackfruit, Banane, Kokosnuss, Nelken, Chilis, Litschis und vieles mehr. Anschließend gab es auch eine Verkostung der verschiedenen Früchte. Leider hat es zwischendurch kurzzeitig geregnet was in der kleinen Regenzeit aber absolut üblich ist. Danach wird’s allerdings saumäßig schwül.

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Nach einem kurzen Abstecher zum Bad des Sultans fuhren wir in eine Waldhütte, wo wir auf dem Boden sitzend lecker geluncht haben. Kartoffelreis, Spinat und Kokossauce mit Okra-Schoten – sehr lecker! Allerdings wunderte ich mich nicht zum letzten Mal, warum bei der Vielfalt der Gewürze so wenig davon für die Speisen verwendet wird. Nach der Speisung haben wir über schlammige Straßen noch einen Abstecher zu einer Korallenhöhle, inkl. Riesentausendfüßer, und zum weißen Sandstrand an der Nordküste Zanzibars gemacht, bevor es, vorbei an armseligen Dörfern und schiefen Lehmhütten, zurück nach Stonetown ging. Der Trip war wirklich gut und auch preisgünstig, so dass ich sofort für den nächsten Tag einen Ausflug nach Prison Island reserviert habe. Da es erst 16:00 Uhr war, habe ich mir noch das Nationalmuseum angeschaut und am Hafen den Mauerspringern zugeschaut, die dort jeden Abend spektakuläre Sprünge von der Hafenmauer ins Becken machen. Dort gibt es auch einen all-abendlichen Fressmarkt, auf dem Fischer ihren Fang, schon zu Spießen verarbeitet, zum Genuss anbietet. Sehr lecker und vielfältig, was einem dort für wenig Geld auf den Grill geschmissen wird. Nach einem Absacker in der Mercury-Bar war ich dann auf den nächsten Tag gespannt.

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Der Trip nach Prison-Island begann am Strand mit dem Ausleihen von Schnorchelgerät. Mit einem kleinen Motorboot aus Holz und ein paar doofen Pauschaldeppen starteten wir über das türkisfarbene Meer zur 30min. entfernten Prison Island. Wie der Name schon sagt, eine ehemalige Gefängnisinsel, heute allerdings in Privatbesitz und als Touristenziel vermarktet. Wir ankerten vor der Insel um die Korallenriffs zu erkunden. Einer der Deppen hat aber gleich seine Taucherbrille versenkt, so dass unser Kapitän das Teil aus 12m Tiefe wieder hoch holen musste. Nach dem traumhaften Schnorchelausflug gingen wir auf die Insel, auf die die Briten vor 200 Jahren Riesenschildkröten mitbrachten und die auch heute noch dort leben. War wirklich beeindruckend die Riesenechsen mal in Freiheit zu erleben. Und obwohl unser Kapitän uns darauf hingewiesen hatte, die Kröten in Ruhe zu lassen, hat sich der selbe Depp, der vorhin schon seine Taucherbrille verloren hat – ein fetter Südafrikaner – gleich auf eine drauf gesetzt. ‘Morla’ ist dabei richtig nieder gesackt! Hätte dem echt eine rein schlagen können. Nach der Rückkehr und einem exzellenten Mittagessen habe ich dann den restlichen Tag in Stonetown verbracht.

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Allerdings hat es wieder nicht lange gedauert, bis ich ‘nen Schlepper am Hacken hatte. Bin dann in ein Internetcafe. Selbst dort kam er mir hinterher und meinte er will jetzt Kohle, da er mich hier her gebracht habe. Habe aber gemeint er solle sich ganz schnell verpissen, als auch schon der Inhaber kam und ihn raus geschmissen hat. Der Inhaber hat mir erklärt, das die ‘Bugs’, wie die Typen dort genannt werden, allen Händlern auf den Sack gehen, das Geschäft vermiesen und Kunden vergraulen. Meine Reaktion wäre schon richtig.

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Aber natürlich hat es nicht lange gedauert, bis mich wieder ein ‘Bug’ im Visier hatte. Bin dann in eine versteckte Einheimischen-Bar. Der Typ ist mir aber hinterher und wollte mir Gewürze andrehen. Hab mir also ein Bier bestellt und angefangen Postkarten zu schreiben. Da ist der Typ verschwunden, kam aber 5 Minuten später mit einem Stapel Postkarten zurück, die er mir unter die Nase gehalten hat. Als er der Aufforderung, mich in Ruhe zu lassen, nicht nach gekommen war, ist mein Tischnachbar aufgestanden und hat in kurzer Hand raus geschmissen. Habe dann bei ein paar Drinks mit meinem Helfer geplautscht als er meinte: „He’s still out there“. Dann ist er raus und es hat ein paar mal geklatscht. Als er zurück kam hat er sich entschuldigt und wir haben gemütlich weiter geredet. Etwas besäuselt habe ich dann noch eine Tour für den nächsten Tag abgecheckt, auf dem Markt was zum kochen geholt und bin, mit einem Umweg über die ‘Mercury-Bar’, ins Guesthouse, wo ich nach einer kalten Dusche in der hauseigenen ‘Küche’ – ein Gaskocher zwischen 2 Ameisenstraßen – mein Abendmahl bereitete.

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Am nächsten Tag fuhren wir dann in den Süden Zanzibars, an den Delphin-Strand von Kizimkazi. Mitten im Ort steht ein riesiger Baobatree, der einen größeren Durchmesser hat als unser Minibus! Danach bestiegen wir am traumhaft schönen Strand ein kleines Holzboot, um die Delphine zu sehen. Man konnte auch wieder Flossen ausleihen um mit den Tieren zu schwimmen, was ich allerdings nicht wollte. Nach kurzer Fahrt muss ich auch sagen, dass dies die richtige Entscheidung war, denn was mit den Tieren dort passiert ist schon arg erbärmlich und ich kann jedem nur davon abraten. Etwa. 10 Boote mit Touristen waren in der Gegend unterwegs. Sobald Delphine gesichtet wurden, sind alle Boote dort hin gerast und die Leute haben sich ins Wasser geschmissen. Natürlich sind die Delphine sofort abgehauen und alle Mann wieder an Bord gekommen, bis die nächsten Delphine gesichtet wurden. Auf meine Nachfrage meinte unser Kapitän dann auch ganz frech, die Delphine würden das mögen und als Spiel auffassen – so ein dummes Geschwätz! Ich schäme mich wirklich, dem beigewohnt und auch noch Kohle für diese Treibjagd gezahlt habe.

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Nichts desto Trotz ging es nach einem köstlichen Thunfischsteak weiter in den Jozani Forest, der im Zentrum der Insel liegt. Hier fühlt man sich wie mitten im Urwald, obwohl nur wenige Kilometer von der Küste entfernt. Überall wuchern Farne zwischen Mahagoni & Teakbäumen und ab und an trifft man auf einen Krebs, der aus seinem Loch im Waldboden linst. Aber auch die, nur auf Zanzibar vorkommenden, Rotrücken-Stummelaffen tanzen durch die Baumwipfel. Hier im Wald wird schon mehr Wert auf den Artenschutz gelegt und es wird nicht gestattet, die schmalen Trampelpfade zu verlassen und den Affen zu Nahe zu kommen. Die haben da ein ganz schönes Spektakel in den Baumwipfeln abgeliefert.

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Nach der Rückkehr nach Stonetown habe ich mich nochmals auf ein Bierchen mit meinem ‘Helfer’ aus der Kneipe getroffen, bevor es zum Abschluss meines Zanzibar-Trips wieder in meine Stammkneipe, die ‘Mercury-Bar’, ging. Dort feierte ein schon ziemlich besoffener Einheimischer gerade seinen 60ten, so dass ich doch etwas länger bleiben musste.

Schade, das mein Ausflug auf diese herrliche Insel, die im Landesinneren durch schreckliche Armut geprägt ist, schon vorbei war. Viele tolle Dinge gibt es hier zu sehen, aber nach 4-5 Tagen treibt es einen dann schon weiter. Die Ostküste habe ich mir allerdings gespart, da diese von zig All-Inclusive-Wohnanlagen verschandelt wird, was im krassem Gegensatz zu den Lebensbedingungen der Einheimischen steht.

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Touristen auf Zanzibar

Die meisten Touristen auf Zanzibar sind keine Individualreisenden oder Backpacker, sondern respektlose Pauschaltouristen. Oft junge Familien oder Pärchen, die an der Ostküste in Luxusbungalows wohnen und höchstens mal für einen Trip nach Stonetown oder zur Delphin-Jagd die Anlage verlassen. Hauptsächlich Italiener, aber auch einige Südafrikaner, Amerikaner, Deutsche und Russen sind hier an zu treffen Das Benehmen ist meist überheblich, großkotzig & zum fremd schämen. Mit Geld wird nur so um sich geschmissen (weswegen hier alles doppelt so teuer ist wie in Tanzania) und neben den Frauen unter Schleiern oder Burkas laufen die Touristenweiber in Hotpants und mit Spaghettiträgern herum. Laut meinem ‘Helfer’ sehen viele Zanzibaris die Männer daher als willige Melkkuh und die Frauen als unzüchtige Schlampen – ja so ist das hier! Auf der anderen Seite gibt es noch die Touristen – komischer Weise meist Frauen – die sich nach der Ankunft sofort von Kopf bis Fuß in traditionelle afrikanische Klamotten werfen, und jeden auch noch so dummen (oder erfundenen) Ritus mitmachen, was nicht weniger peinlich ist. Glücklicher Weise sollte ich die nächsten 5 Tage keine Europäer mehr sehen.

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Um 10Uhr am nächsten Morgen ging es dann zum Flughafen, von wo aus ich über die Nachbarinsel Pemba zurück aufs tanzanische Festland fliegen wollte. Da der Flug etwas Verspätung hatte, habe ich im Flughafenrestaurant die ekeligste Pizza meines Lebens verspeist. Weicher Boden, belegt mit Ketchup, Mayo, trockenem Hühnerfleisch und 2 Kilo leicht angeschmolzenem, labberigem Käse.
Der Flug war allerdings atemberaubend. In einer Cessna mit 12 Plätzen – ich saß direkt hinter dem Kapitän, ein anderer Fluggast auf dem Sitz des Co-Piloten – flogen wir sehr wackelig und in geringer Höhe über die Insel. Meine japanische Sitznachbarin hätte mir dabei allerdings fast über die Hosen gekotzt. Nach eineinhalb Stunden Flug inklusive Zwischenlandung waren wir dann in Tanga, im gebirgigen Norden Tanzanias.

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