Europa

Chișinău – Tiraspol – Odessa (Nov. 2018)

Nachdem ich mich die letzten Male in doch eher wirtschaftlich und politisch stabilen Ländern aufgehalten habe, sollte diesmal ein wenig Abwechslung her. Also entschloss ich mich, mit meinem Bruder zusammen die drei in der Überschrift genannten Städte zu besuchen. Fast eine Reise zurück in der Zeit und weit vom Luxus hierzulande entfernt.

Chișinău (Moldawien)

Das frühere Kischinew ist die Hauptstadt des unbeliebtesten und am wenigsten besuchten Reiselandes Europas. Im Jahr 2017 waren hier so viele Touristen unterwegs, wie in der Hauptsaison täglich auf Mallorca ankommen. Vom Flughafen aus fährt man mit dem schrottigen Bus ca. 45 Minuten bis in die Stadt, die als alles andere als schön zu bezeichnen ist. Das Zentrum besticht durch verkommene Wohnhäuser, löchrige Gehwege, verfallenen, nach Fäkalien stinkende Unterführungen und renovierungsbedürftigen Protzbauten aus der kommunistischen Ära. Kein wirklich schöner Anblick, aber doch irgendwie ein wenig faszinierend. Eingecheckt haben wir im pompösen Hotel Chișinău für 30 € die Nacht. Mehr Luxus als hier geht kaum in Chisinau. Auch hier sprüht aus jeder Ecke der Charme der 1960er-Jahre. Leider funktionierte nur einer der klapprigen und nicht besonders Vertrauen erweckenden Fahrstühle, der uns in den vierten Stock zu unserem Zimmer mit trostlosem Blick auf das Stadtzentrum brachte. Leider gab es nur kaltes Wasser und auch sonst war das Bad recht überholungsbedürftig. Dafür hatten wir sehr stabile Betten mit 2 kg schweren Rosshaar Kissen.

0

Nach dem einchecken begaben wir uns in die Stadt und auch auf den Weg zum Markt, der recht sehenswert sein soll. Leider haben wir uns etwas verfranst und schlussendlich zwei Mädels nach dem Weg gefragt. Die Sprachbarriere war allerdings doch etwas hoch. Deshalb wurden wir freundlich, leider in die falsche Richtung geschickt. Kann mal passieren. Nachdem wir eine kompetente Kontaktperson erwischt hatten die uns den richtigen Weg vermitteln konnte, führte uns der Weg vorbei am Cosmos Hotel und einer riesigen Grigorij-Kotovskij-Statue bis zu unserem gewünschten Ziel. Der Markt ist sehr lebhaft und auch wirklich groß. Hier gibt es alles, was man zum Überleben braucht. Obst, Gemüse, Fleisch & Fisch, alle möglichen Haushaltsutensilien und Klamotten, aber auch kitschigen Tinnef. Schon sehr interessant, das geschäftige Treiben auf dem Markt zu beobachten.

0

0

Danach ging es noch, vorbei an der doch ziemlich unscheinbaren Cathedrala Mitropolitana in den nahe gelegenen Park „Stefan-cel-Mare-si-Sfant“, der bis auf eine Statue von Stefan dem Großen und von Alexander Pushkin nichts zu bieten hat. Vorbei am protzigen Parlamentsgebäude und dem Mitleid erregend kleinen Triumphbogen machten wir uns ob dem Mangel an Sehenswürdigkeiten wieder auf in Richtung Hotel, nicht ohne noch eine kleine Runde durch die schäbigen Gassen zu schlendern. In einem nahe gelegenen Restaurant konnten wir zum Schnäppchenpreis unser Abendmahl, das recht lecker war kredenzen. Zur Desinfektion wollten wir in der Hotelbar noch ein Schnäppschen trinken. Nach längerer Wartezeit kam dann die Dame des Hauses, die uns erklärte, hier gäbe es den Stoff nur flaschenweise. Also nahm sie uns mit in die nebenan gelegene Bar, wo wir das Zeug auch in kleineren Portionen erhalten konnten. Und was soll ich sagen. Richtig ekelhaft der Wodka. Zum Glück haben wir von dem Fusel keine ganze Flasche gekauft.

0

0

Am nächsten morgen wurden wir zum Frühstück in ein mittelalterlich anmutendes, stimmungsvolles Kellergewölbe gebeten, um dort unser Mahl zu uns zu nehmen. Leider entsprach dieses eher unterdurchschnittlichem Niveau, aber wenigstens hatten wir was im Magen, bevor es zum Busbahnhof ging. Auf dem Weg haben wir nochmals einen Abstecher zum Markt gemacht, denn heute hatte auch die Fleischabteilung geöffnet. Eine große, gekachelte Halle in der es alles nur denkbare vom toten Tier gab. Und auch in allen möglichen Größenordnungen. Interessant war auch, dass den Hasen die Läufe nicht rasiert waren und um Unterscheiden zu können, welchen Vogel man vor sich hat, wurden den gerupften Tiere die Köpfe abgschnitten und in den Allerwertesten gesteckt. Nicht wirklich Ästhetisch aber zur Unterscheidung der Art doch sehr praktisch.

0

0

Vorbei an den älteren Martkfrauen vom Land, die lediglich ein paar Kräuter, Eier und Selbstgebrannten in verbeulten PET-Flaschen am Rande des offiziellen Marktes verscherbelten, liefen wir dann zur Busstation und besorgten uns unsere Tickets nach Tiraspol. Pünktlich um 10:30 Uhr fuhr der bis auf den letzten Platz gefüllte Mini-Bus dann auch los in Richtung Transdnistrien.

Tiraspol (Transdnistrien)

Transdnistrien ist eine autonome Teilrepublik zwischen Moldawien und der Ukraine, die auf beiden Seiten des Flusses Dnister liegt und von der UN nicht anerkannt ist. Dennoch hat die „Republik“ eine eigene Regierung, eine eigene Währung und ein Heer. Die Regierung ist noch stark an Russland orientiert, vor allem aber sehr kommunistisch geprägt. An der Grenze erwarteten uns schon die Zöllner mit breitkrempigen Hüten und Uniformen, die sehr an die antiquierten russischen Kluften zur Zeit des kalten Krieges erinnerten. Bereits hier fühlte man sich um Jahrzehnte in der Zeit zurückversetzt. Die Einreiseformalitäten waren dank moderner Scanngeräte schnell erledigt und wir hatten unser Visum, dass und zum Aufenthalt von 10 Stunden in Transdnistrien berechtigte. Also ging es weiter, vorbei an besetzten Schützenpanzern die bereits an der Grenze aber auch an strategisch wichtigen Brücken standen. Komisches Gefühl.

Am Bahnhof der Hauptstadt Tiraspol wollten wir uns gleich um die Weiterfahrt nach Odessa kümmern. Leider waren die Damen am Schalter etwas mürrisch, kurz angebunden und wenig auskunftsfreudig. Auch die Verbindungen waren nicht so dolle und die einzige Alternative war der Bus um kurz nach 19:00 Uhr. Somit hatten wir sieben Stunden Zeit, eine Stadt anzuschauen, in der es eigentlich nichts zu sehen gibt. Also sind wir, nachdem wir etwas Geld gewechselt hatten, ins 15 Gehminuten entfernte Zentrum gelaufen. Der Weg führte vorbei an baufälligen Häusern und durch einen Park voller Tristesse. Vorbei ging es an weiteren Wohnruinen, an denen gerade gearbeitet wurde. Auf den Punkt gebracht stellte mein Bruder dabei die Frage: „Was gibt‘s denn da zu renovieren?! Abreißen müsste man die Dinger.“ Eine hübsche orthodoxe Kirche gibt es dort allerdings, das war‘s aber schon auch mit Glanz und Gloria.

0

0

Wir begaben uns dann auf den Markt, der doch ziemlich spärlich bestückt ist, aber dennoch das meiste bietet, was man im spartanischen Alltag Transdnistriens benötigt. So langsam mussten wir uns aber stärken und betraten einen kleinen Imbiss. Die streng dreinblickende Dame hinter der Theke packte flinker Hand die von uns ausgewählten „Spezialitäten“ auf kleine Tellerchen und reichte uns mit grimmigem Blick die in der Mikrowelle aufgewärmten Speisen, die wir, nachdem sie herunter gewürgt waren, mit widerlichem Vodka, der wohl aus Bremsflüssigkeit hergestellt wurde, nachspülten. Auch beim begleichen der Rechnung war der Dame kein Lächeln abzuringen, so dass wir langsam selbst in eine depressiv angehauchte Stimmung verfielen. Nun ging es durch einen weiteren verwahrlosten Park in Richtung Parlamentsgebäude. Vor dem Palast steht eine riesige Lenin-Statue, wahrscheinlich eine der letzten in Europa. Leider ist es nicht erlaubt, das Gebäude zu fotografieren, aber da gerade keine Authorität in Sichtweite war, wagten wir es dennoch. Gleich in der Nähe befindet sich dann noch ein weiteres Kriegsdenkmal inklusive einem weiteren, diesmal aber als Denkmal aufgebauten Panzer. Gleich dahinter führt eine Brücke über den Dnister zum Stadtstrand. Auch hier alles wie wie aus Großvaters Fotoalbum aus den 60ern. Und trotz der niedrigen Temperaturen fand sich ein Wagemutiger, der sich in die Fluten des Flusses stürzte.

0

0

Damit war aber auch schon alles gesehen was es hier zu sehen gibt. Also schlenderten wir am Flußufer entlang und wollten wieder zum Bahnhof um vielleicht doch noch eine andere Verbindung zu finden. Denn sonst müssten wir noch weitere vier Stunden in dieser wirklich wenig einladenden Stadt verbringen. Aber ich will nicht alles schlecht machen, denn gesehen haben sollte man das alles schon mal. Alleine nur um es wirklich zu glauben. So irreal kommt es einem hier manchmal vor. Am Ufer sprachen uns dann noch zwei relativ junge Männer an, von denen wir sofort Vermuteten, dass es irgendwelche Geheimdienstler seien. Touristen sind hier ja nicht gerade alltäglich und auch schnell zu erkennen. Sie stellten sich dann auch als Soldaten vor, die gerade von der Akademie kämen und fragten uns, was wir hier so machen, gesehen hätten und wie es uns gefalle. Ganz unverfänglich aber mit einem etwas mulmigen Gefühl antworteten wir, wurden nach dem freundlichen Gespräch aber alsbald auch wieder Verabschiedet. Ob es nun wirklich Agenten oder nur freundliche und interessierte Menschen waren blieb uns allerdings verborgen.

0

0

Leider gab es keine andere Verbindung und so entschieden wir uns, noch eine kleine Runde zu drehen. Irgendwelche Besonderheiten sollten sich aber nicht mehr zur Schau stellen. Bis auf die öffentliche Toilette, die dem Anmut der schlimmsten Toilette Schottlands aus „Trainspotting“ durchaus nahe kommt. Also verbrachten wir die letzten zwei Stunden unseres Aufenthalts in der Bahnhofskneipe bei ein paar Bier, bis wir unseren Minibus besteigen konnten, der sich auch pünktlich auf die Fahrt in die Ukraine begab.

0

Odessa (Ukraine)

Es war reichlich spät, als wir am Busbahnhof von Odessa ankamen. Beim Grenzübertritt ging wieder alles problemlos, aber dennoch dauerte die Fahrt länger als gedacht. Mit dem Taxi ging es dann ins Katharina-Hotel, da mein Bruder zu faul war, die 25 Minuten Wegstrecke zu laufen. Das Hotel ist doch sehr schnieke, mit ebenfalls 30 € für ein Doppelzimmer aber auch sehr günstig. Da wir noch Hunger hatten, begaben wir uns ins nahe Zentrum, wo ein paar Fress- und Saufbuden aufgebaut waren und die jungen Leute sich dem reichlichen Genuss alkoholischer Getränke hingaben. Nachdem wir uns einen Burger reingezogen und uns nett mit einem leicht angetrunken Pärchen unterhalten hatten, wollten wir eigentlich zu unserer nahe gelegenen Schlafstätte. Als wir uns auf dem Weg noch eine Zigarette angezündet hatten wurden wir allerdings von zwei aus dem Nichts erscheinenden, mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten angehalten. Also mussten wir unsere Pässe vorzeigen und unsere Taschen komplett leeren. Man versuchte uns in miserablem englisch zu erklären, dass es verboten sei, auf der Straße zu rauchen und zu trinken (was hier aber jeder macht); Und getrunken hatten wir ja auch gar nicht. Dennoch wurde uns in harschem Ton vermittelt, das wir mitkommen und eine Strafe zahlen sollten, sonst würde man uns des Landes verweisen.

Wir willigten ein mit zur Wache zu kommen und dort die Strafe in Höhe von umgerechnet 50 € zu bezahlen. Allerdings nur auf der Wache und mit einem Protokoll, was uns so auch bestätigt wurde. Also geleitete man uns zu einer weiteren Streif mit Auto. So langsam kam uns das alles sehr merkwürdig vor. Auch da die andere Streife wohl irgendwelche Bedenken oder Einwände gegen unsere Festnahme hatten, die beiden anderen aber gewähren ließen. Auf Grund der Sprachbarriere wurde im folgenden das meiste dann über die Übersetzungs-App des Smartphones geführt, wobei uns zu verstehen gegeben wurde, dass die Lage sehr ernst sei. Die Fahrt mit dem Polizeiwagen führte uns dann auch nicht, wie erwartet, zu einer Polizeiwache, sondern in eine nahe, dunkle und unbeleuchtete Gasse. Dort forderten die beiden Bullen dann die gewünschte Gebühr, was wir aber verweigerten und auf die Fahrt zum Revier bestanden. Dort würden wir bezahlen, wenn wir ein Protokoll bekämen. Nun schauten sich die beiden auch endlich mal unsere Pässe an und realisierten, dass wir Brüder sind und dass mein Bruder bereits vorher schon in der Ukraine war. Offensichtlich hatten uns die beiden für ein schwules Pärchen gehalten, dass sie schikanieren und ausnehmen können. Da wir uns weiterhin weigerten, die Gebühr vor Ort zu bezahlen und – immer freundlich aber auch konsequent – darauf bestanden zur Wache zu fahren, kapitulierten die beiden schliesslich, gaben uns unsere Pässe zurück und verabschiedeten uns mit einem freundlichen „Hitler kaputt“. Oh Mann, das hätte auch ganz anders laufen können! Mit doch etwas weichen Knien haben wir uns im Hotel erst mal ein paar Wodka rein gezogen, bevor es ins Bett ging.

0

0

0

Am nächsten Morgen war der Schock verdaut und wir brachen mit dem klapprigen Bus auf zum großen Markt, der ungefähr doppelt so groß ist wie der in Chișinău. Auch hier geschäftiges Treiben und viel Trubel. Am faszinierenden fand ich den vielfältigen Fischmarkt, und die Gemüsestände, die allerlei eingelegte Kraut und Gemüsesorten feil boten. Der Weg führte uns dann zu Fuß zurück in die Stand, vorbei an der prächtigen Kathedrale und der unscheinbaren Synagoge. Danach ging es in Richtung Hafen, wo das prunkvolle Opernhaus zu sehen ist. An der Uferpromenade, vorbei am sehenswerten Börsengebäude gelangt man zur Potemkin-Treppe mit Blick auf den (Industrie-)Hafen. Ist schon alles recht hübsch anzusehen und nicht so verkommen wie in Chișinău und Transdnistrien. Dennoch gibt es hier einige Orte, die durchaus sanierungsbedürftig sind. Auch sind die Menschen (vielleicht mit Ausnahme einiger örtlicher Polizisten) hier freundlicher und lebenslustiger. Vom Hunger gepackt begaben wir uns dann in ein Selbstbedienungsrestaurant mit günstiger aber auch nicht gerade hochwertiger Küche. Aber egal. Hauptsache der Ranzen spannt.

0

0

0

Nach einer kurzen Mittagsruhe im Hotel wollten wir noch ein wenig an die Küste und begaben uns zu Fuß durch einen kleinen, mit Skulpturen übersäten Park, wo ebenfalls ein paar Fressbuden aufgebaut waren. An dessen anderer Seite befindet sich der Strand, der trotz Wind und kühlen Temperaturen gut besucht war, so dass sich die Strandcafés guter Umsätze erfreuen konnten, auch wenn die Ukrainer ihre Schnapsflaschen alle selbst mit gebracht haben.

0

0

Auf dem Rückweg haben wir uns dann an den Fressbuden noch einen wirklich vorzüglichen, fruchtigen Glühwein rein gezogen, der in einem rustikalen, mit Holzkohle befeuerten Kessel gebraut wurde. Zum Ende des Tages begaben wir uns zum Abendmahl nochmals ins Zentrum und auf den Markt, wo wir gestern schon waren und haben uns erneut ein paar Burger reingezogen, dann den schön beleuchteten Stadtpark angesehen und einem Happening zum 25-jährigen Jubiläum eines Steakrestaurants beigewohnt, wo wirklich dick aufgetragen wurde, das aber nur geladenen Gästen vorbehalten war.

0

0

Zurück im Hotel hat sich mein Bruder auch alsbald zu Bette begeben, aber irgendwie hatte ich noch ein wenig Tatendrang. Also bin ich um kurz vor Mitternacht nochmals nach draussen, ein wenig durch den Stadtpark gelatscht und hab mir an der Burgerbude noch einen Hotdog geholt, als mich drei Damen um die 50 Jahre zu sich an den Tisch baten. Sehr schnell stellte sich heraus, dass es sich hierbei um geschäftstüchtige Ladies aus dem horizontalen Gewerbe handelte und da ich nicht schon wieder verhaftet werden wollte, habe ich mich dann doch schnell zurück gezogen und das Gespräch beendet.

0

0

Am nächsten morgen hatten wir noch etwas Zeit und sind zur Kathedrale gelaufen. Hier war wirklich was los. Hunderte Menschen waren im Kirchenschiff und auch in der wirklich prächtig anzusehenden Kapelle im zweiten Untergeschoss war die Hölle los. Ein wenig ergriffen von so viel wirklich ernstgemeinter, kultischer Verblendung verließen wir den Tempel aber recht schnell wieder, haben unsere sieben Sachen gepackt und uns ein – augenscheinlich nicht offizielles – Taxi vom Hotel rufen lassen.

0

0

Somit ging ein wirklich erlebnis- und erkenntnisreiches, aber auch spannendes und abenteuerliches verlängertes Wochenende zu Ende, welches Erfahrungen bereit hielt, denen sich schon mal aussetzen sollte.

Ein paar Tage in Litauen (Okt. 2018)

Die letzte Etappe meiner Drei-Länder-Reise war dann Litauen…

09.10.2018 – Klaipeda

Heute hieß es mal wieder früh raus, auch wenn der Bus erst um 9 Uhr fährt. Schließlich musste ich fast 45 Minuten bis zur Abfahrtsstelle laufen. Denn der Bus ist von einer kleinen, lokalen Busgesellschaft und fährt nicht am Busbahnhof, sondern von einer Haltestelle im Süden der Stadt ab. Hab wie immer einen großteil der Stecke verpennt, diesmal aber etwas ungemütlicher. Der schrottige Kleinbus hatte nämlich keinen Platz für das Gepäck, dass ich dann mit in den Fahrgastraum nehmen musste. Da der Bus gut gefüllt war, hieß es, das Zeug auf den Schoß nehmen. Bei lediglich 2 Stunden fahrt ging das aber einiugermaßen.

0

0

Um kurz vor 11 waren wir dann in Klaipeda. Allerdings hat der Bus außerhalb der Stadt gehalten, so dass ich ungefähr 4 km bis ins Zentrum laufen musste. Glücklicher Weise konnte ich aber im Hostel wieder sofort einchecken und mich gleich danach wieder auf den Weg machen. Bin dann zum nahen Bahnhof und danach zum direkt daneben gelegenen Busbahnhof gelatscht, um mich der nächsten Verbindungen zu versichern. Hat auch alles gut hingehauen und so bin ich danach einmal quer durch die Stadt. Keine besonderen Sehenswürdigkeiten, aber ganz nett ist es hier dennoch. Bin dann aber zum alten Fährhafen und mit der Fähre nach Smiltyne gefahren. Das ist der nördlichste Ort auf der Kurischen Nehrung. Die Kurische Nehrung ist eine schmale Halbinsel deren Großteil zu Litauen, der Südteil zu Russland gehört. Eigentlich ist die Nehrung aber eine riesige Düne, die das Festland vor Wind und wetter schützt, das Kurische Haff zum Festland hin begrenzt und ein riesiger Naturpark ist. Bin dort dann bis ganz zum nördlichsten Zipfel gelaufen und am Strand wieder zurück. Tolle Landschaft, aber auch relativ warm und schweißtreibend. Zumindest auf der dem Meer abgewandten Ostseite Auf der Westseite am Strand war es dagegen sehr zugig, aber von der Landschaft her ebenfalls sehr sehenswert.

0

0

War deshalb auch erst um 18:00 Uhr wieder an der Fähre, die mich kostenlos zurück nach Klaipeda gebracht hat. Für die Hinfahrt musste in einen ganzen Euro berappen. Bin dort noch etwas durch die Altstadt gelaufen, bis ich wieder – mit einem Abstecher im Supermarkt – zurück ins Hostel bin. Nachdem ich die letzten beiden Nächte ja kaum geschlafen hab, war ich froh, endlich mal wieder etwas länger pennen zu können, bin dafür aber auch recht früh ins Bett. Hab wohl doch etwas Schlafdefizit. Geholfen hat mir dabei aber auch einer der drei Stummen, die hier nächtigen, da dieser immer irgendwelche Geräusche (mh…mhmhmm.. hä…hmm) von sich gegeben hat, was mich echt aufgeregt hat. Der Japaner aus meinem Zimmer meinte aber, das sei halt normal bei Taubstummen. Aber bei dem ist es ja auch normal, immer die Zimmertüre offen zu lassen, ganz egal ob da jemand drin liegt und pennt oder das Zeug offen herum liegt.

0

10.10.2018 – Kurische Nehrung

Konnte heute wieder etwas länger Pennen, den mein Bus nach Joudkrante ist erst um 11:15 Uhr losgefahren ist. Wäre gerne etwas früher gefahren, aber da gab‘s nichts gescheites. Allerdings hätte ich auch die Passagierfähre und dann erst in Smiltyne den Bus nehmen können. Naja, schon zu spät.

0

0

Um 12:00 Uhr war ich dann in Joudkrante, einem verschlafenen Örtchen ca. 30 km von Smiltyne entfernt. Bin als erstes wieder ein Stück zurück zur Bernsteinbucht, die sehr schön und idyllisch gelegen ist. Es war wieder sehr warm und schon jetzt hab ich es bereut, meine Jacke mitgenommen zu haben. Bin dann wieder zurück in den Ort und habe dort den Hexenberg bestiegen. Auf dem Rundweg um den Hügel sind dutzende Holzskulpturen zu bestaunen, die hauptsächlich Hexen, Geister und Fabelwesen darstellen. Waren echt coole Skulpturen dabei. Hat mir sehr gut gefallen. Leider war aber auch eine Schulklasse mit nervigen Penälern unterwegs. Glücklicher Weise konnte ich diese aber schnell überholen und hinter mir lassen. Nach der Umrundung des Hexenberges hab ich mich zum Ufer begeben und bei herrlichem Ausblick und schönstem Wetter gevespert. Leider war die Zeit schon wieder etwas voran geschritten und so hab ich den nächsten Kleinbus nach Nida bestiegen.

0

0

Nida ist der bekannteste Ort der Kurischen Nehrung und liegt ca. 3 km von der russischen Grenze entfernt. Da ja Nebensaison ist, ist der beliebte Urlaubs- und Ferienort sehr ruhig, was ich doch schwer begrüßte. Leider hatte ich auch hier nicht so viel Zeit wie ich gerne gehabt hätte und so hab ich mich zum Wahrzeichen der Stadt aufgemacht. Dabei handelt es sich um den Leuchtturm, der sich westlich der Stadt, oben auf einer Düne befindet. Leider konnte man den Turm nicht besteigen, dafür aber einen in der Nähe gelegenen Aussichtsturm. Aber so spektakulär wie ich es mir vorgestellt hatte, war der die Aussicht dann doch nicht. Viel Wald gab es zu sehen und erst dahinter ließ sich das Meer erahnen. Eigentlich wollte ich ja zur Küste auf der anderen Seite latschen, aber irgendwie gab es keine richtige Beschilderung und mir erschien der Weg doch zu weit, um rechtzeitig wieder an der Bushaltestelle zu sein. Also bin ich in Richtung Süden gedackelt, wo man die Parnidis-Düne besteigen kann. Wirklich ein herrlicher Ausblick über die Nehrung, die unterhalb gelegenen Wanderdünen bis hin zum Meer. Auch hier traf ich wieder auf eine nervige Schulklasse. Ach ja, auf der Düne steht übrigens auch eine riesige Sonnenuhr.

0

Nachdem ich mich etwas an der schönen Aussicht gelabt hatte, ging es auf der anderen Seite der Düne dutzende steile Treppenstufen hinunter an die Küste. Hier gibt es noch einen kurzen aber schönen Spazierweg, der zurück nach Nida führte. Auch hier eine tolle Landschaft. In Nida bestieg ich dann den Bus, der mich zurück nach Smiltyne brachte, von wo aus ich dann die Passagier-Fähre zurück nach Klaipeda genommen hab. War landschaftlich auf jeden Fall sehr, sehr schön. Da es noch hell war, bin ich im Anschluss noch ein klein wenig durch die Stadt geschlendert und hab mich auf ein Bierchen in den Skulpturen-Park in der Nähe des Busbahnhofes begeben.

0

Da schon wieder der mhmhm-Typ da war (wie auch schon am Morgen beim Frühstück), hab ich mir ein wenig Wodka reingezogen, damit ich das Getue ertragen kann. Hab ansonsten aber auch nicht mehr viel gemacht.

11.10.2018 – Siauliai

Heute musste ich wieder `ne Stunde früher raus, und siehe da, wer heute auch `ne Stund früher wach? Der Mhmhmhm-Typ. Also hab ich so schnell wie möglich gefrühstückt, mein Vesper gemacht und bin gegangen, bevor ich dem noch eine rein haue. War aber sowieso ein wenig reizbar, da es wohl doch ein klein wenig zu viel Wodka war, gestern Abend. Hab also meine sieben Sachen gepackt und bin zum Bahnhof marschiert, wo ich den Zug nach Siauliai bestiegen habe. Dort bin ich dann um kurz nach 12 Uhr angekommen und gleich zum Youth Hostel, wo ich bereits ab 13:00 Uhr einchecken konnte. Und zu Laufen waren‘s vom Bahnhof auch wieder ca. 30 Minuten. Das Hostel gehört zur Hochschule und befindet sich in einem Nebengebäude, wo auch die technische Fakultät untergebracht ist. Wie in Pärnu, ist die Unterkunft mit dem Charme eines sowjetischen Freizeitheims ausgestattet und sehr schlicht. Die streng dreinblickende Dame vom Empfang passte da auch ganz gut ins Bild. Bin wieder der einzige im Zimmer, aber in den Nachbarzimmern sind einige Leute, die alle eher in meinem Alter sind.

0

Bin danach zur Busstation, um den Bus zum Berg der Kreuze zu nehmen, der etwa 20 Fahrminuten und zwei Kilometer Fußmarsch entfernt liegt. Leider waren die Abfahrtszeiten, die im Hostel aushängen nicht ganz korrekt und so hab ich mir bei Hesburger einen „Hesburger“ geholt und auf den Bus gewartet, der erst 30 Minuten später als gedacht abfuhr. Für 90 ct. Bin ich dann nach Domanti gefahren, dass aus zwei oder drei Häusern besteht. Von dort ging es dann zu Fuß weiter bis zum Berg der Kreuze. Das ist ein Hügel, auf dem Millionen von Kreuzen in allen möglichen Größen und Formen stehen und der als Pilgerstätte gilt. Vor allem an Ostern soll hier sprichwörtlich der Teufel los sein. Schon ein krasser Anblick, wie viele Kreuze hier herum stehen, die von den Verblendeten hier aufgestellt werden. Wird von Jahr zu Jahr mehr. Zwischendrin stehen dann die hochmodernen Überwachungskameras, die das skurrile Bild etwas konterkarieren. Bin dann wieder zurück zur Bushaltestelle gelatscht und zurück nach Siauliai gefahren. Komischer Weise hat die Rückfahrt weniger gekostet als die Hinfahrt. Sehr seltsam!

0

Bin dann noch quer durch die Stadt gelaufen, die eigentlich nicht viel zu bieten hat. Auch hier sind wieder, wie in fast allen Städten die ich bisher besucht habe, überall Baustellen. Muss ja für die Hauptsaison im nächsten Jahr wieder alles hübsch sein. Nachdem ich kurz im Supermarkt Proviant für morgen geholt habe, bin ich noch an den Stadtsee gelaufen, wo eine riesige Fuchsskulptur steht. Mächtiges Teil! Der Ausblick über den See bei herrlichem Sonnenschein und mit den herbstlichen Bäumen im Hintergrund war ebenfalls sehr sehenswert. Gleich nebenan ist der Sonnenuhr-Park, auf dem die größte Sonnenuhr des Landes steht. Leider war auch dieser Platz wegen Bauarbeiten geschlossen, so dass ich das Teil nur aus einer gewissen Entfernung sehen konnte. Direkt hinter dem Platz findet sich der Friedhof, dem ich ebenfalls einen kurzen Besuch abgestattet habe. Auch sehr schön, vor allem im herbstlichen Ambiente. Vorbei an der hübschen Kirche ging es dann aber auch schon wieder zurück in die Herberge.

0

0

Hier wollte ich mir das Online-Ticket für die morgige Zugfahrt nach Vilnius kaufen. War gar nicht so einfach, denn die Internetverbindung hier im Haus ist hundsmiserabel. Hab dann die Schnalle am Empfang gefragt, was da denn los sei, die hat aber nur mit den Schultern gezuckt. Hab‘s dann aber glücklicher Weise doch noch hinbekommen. Morgen heißt es aber schon wieder früh raus, denn der Zug nach Vilnius führt bereits um 8:30 Uhr und ich muss ja ein ganzes Stück zum Bahnhof laufen.

12.10.2018 – Vilnius / Trakai

Um 7:15 Uhr bin ich also aus dem Bett gehüpft, hab mein Kram zusammengepackt und bin los zum Bahnhof. Pünktlich um 8:30 Uhr ist der Zug in Richtung Vilnius los gefahren. Der Zug war recht voll und eine Oma mit Ihrer Enkelin hatte bereits meinen Platz belegt. Hier gibt es im Zug nämlich Platzkarten. Widerwillig hat die Alte dann ihr Zeug zusammen gepackt und das Balg auf den Schoß genommen. Eigentlich wollte ich gemütlich nochmals die Augen schließen aber das scheiß Kind hat die ganze Zeit gelabert und rumgezappelt. Konnte dennoch noch etwas schlummern, auch wenn ich gerne das ein oder andere Mal am liebsten den Ellbogen ausgefahren hätte. Kurz vor Vilnius musste ich dann kurz pieseln und hab den Aufmachknopf der Klotür betätigt, als ich plötzlich von den Umherstehenden etwas Gegenwind bekam. Denn auf dem Klo saß eine ältere Dame und war gerade beim Geschäft, als sich die elektronische Tür in Zeitlupe öffnete und dann genauso langsam wieder schloss. War schon etwas peinlich. Aber kann die denn nicht abschließen?

0

Nun ja… um 11 Uhr war ich dann in Vilnius und bin auch gleich zum etwa zehn Gehminuten entfernten Hostel, dass in der Altstadt direkt hinter dem Tor der Morgenröte liegt. Auch hier konnte ich erfreulicher Weise gleich einchecken und mich umgehend wieder auf den Weg zum Bahnhof machen. Hab mir für 1,80 € einen Fahrschein nach Trakai gekauft, der ehemaligen Hauptstadt Litauens. Nach 30-minütiger Fahrt war ich auch schon dort und bin dann ca. 2,5 km entlang eines Sees zur Burg von Trakai gelaufen. Wunderschöne Aussicht und herrliches Wetter. Gut, dass ich diesmal die Jacke nicht mit genommen hab. Die Burg liegt auf einer kleinen Insel und ist sehr gut erhalten. Sieht auch sehr, sehr schön aus, nur die Batterie Dixi-Klos vor dem Eingang trübt das Bild ein wenig. Ist halt auch – verständlicher Weise – eine beliebte Touristenattraktion. Den Eintritt für die Burg hab ich mir aber gespart. Wären, inklusive Fotoerlaubnis knapp 10 Öcken gewesen. Hab deshalb nur kurz in den Burghof gelinst und schnell vom Eingang aus ein paar Fotos geschossen.

0

Nachdem ich die Burg umrundet hatte, bin dann aber auch schon wieder langsam in Richtung Busbahnhof gelaufen. Denn die Busse fahren öfter als die Bahn und bis halb sechs wollte ich nicht warten um wieder zurück zu fahren. Der Bus hat genauso viel gekostet wie die Bahn und so war ich um 16:15 Uhr wieder zurück in Vilnius. War durch die Sonne und die gute Luft eigentlich schon etwas geplättet, aber gleich zurück ins Hostel wollte ich auch nicht. Also bin ich noch etwas durch die Altstadt und danach zur Bastille gelaufen, von wo man einen tollen Blick über die Stadt hat. Etwas weiter gibt es noch einen Panorama-Point, zu dem ich dann auch noch gelaufen bin. Auch von hier gibt es einen schönen Blick über die Stadt, aber auch nicht viel anders als von der Bastille aus ist. Im Schein der untergehenden Sonne aber doch sehr schön war.

0

Wollte dann auf dem Rückweg noch kurz einkaufen, hab aber leider keinen Supermarkt gefunden. Also bin ich zurück ins Hostel, hab erst mal abgelegt und dann dort gefragt, wo es denn sowas gibt. Mir wurden gleich zwei davon gezeigt und so hab ich mich wieder auf den Weg gemacht. Leider hatten beide kein wirklich befriedigendes Angebot also bin mehrfach zwischen beiden Märkten hin und her um die Preise zu vergleichen. Die müssen auch gedacht haben: „was für ist den das für ein Idiot“. Hab dann in beiden Märkten jeweils ein bisschen was geholt und bin zurück ins Hostel. Dort war mein Zimmergenosse anwesend. Raoul aus Rumänien, der mittlerweile aber in Nürnberg lebt. Hab mich ein bisschen mit ihm unterhalten, bevor ich dann in die Küche bin um mir endlich meine heiß ersehnte Pasta Bolognese zu kochen.

0

Hab danach den Anfang dieses Tagesberichtes geschrieben, als `n Typ namens Vitali mit einer Flasche Vodka aufgetaucht ist. Zusammen haben wir dann ein bisschen gesoffen und uns ganz gut unterhalten, bis er angefangen hat so `ne Scheiße zu labern, dass man Frauen die einen Betrügen doch einfach umbringen sollte. Und er verstehe auch nicht, dass seine Frau die Bullen gerufen hat, nur weil er seinen Sohn mit dem Gürtel verprügelt habe. Hab mir das alles `ne Weile angehört und ihm dann gesagt, dass ich das überhaupt nicht toll finde was er da von sich gibt und dass das gequirrlte Scheiße ist. Als er gemerkt hat, dass ich das kacke finde, hat er das Thema gewechselt und wir sind zur Rassenideologie und genetischem Fortbestand gekommen. Hier war ich mir nicht ganz sicher ob er das provokative Geschwätz wirklich ernst meint. Anscheinend aber schon, denn im Vodka liegt die Wahrheit. Hab ihm natürlich auch hier meine Meinung dazu gesagt und er hat das auch – wie sagt man so schön – zur Kenntnis genommen. War dann ganz froh, dass er dann endlich aufgebrochen ist, um in der Stadt noch etwas Party zu machen. Hab‘s deshalb auch noch geschafft, diese Zeilen zu schreiben, obwohl ich den Vodka schon wieder ganz schön gespürt habe.

13.10.2018 – Vilnius

Zum Abschluss hab ich heute mal ausgepennt. Lag sicher aber auch am gestrigen Wodka-Konsum, der mich schon wieder etwas aus der Bahn geworfen hat. Bin also erst um 9:30 Uhr aus den Federn gekrochen und hab mich so langsam ausgehfertig gemacht. Um 10:00 Uhr war ich dann auf der Straße und hab mich zum Supermarkt geschleppt, wo ich mir mein Frühstück besorgt habe. Danach hab ich mich zum nicht weit entfernten Museum der optischen Illusionen begeben. Da das Teil aber 10 € Eintritt kostet, habe ich auf einen Besuch verzichtet. Die spinnen ja wohl. Also bin ich weiter, vorbei an ein paar hübschen Kirchen und am Frank-Zappa-Denkmal. Danach ging es durch einen kleinen Park, von dem aus man einen schönen Blick über die Neustadt von Vilnius mit seinen Hochhäusern hat, aber auch den westlich gelegenen Fernsehturm, das höchste Gebäude Litauens, sehen kann.

0

Unterhalb des Parks liegt das Genozid- und KGB-Museum das sich in dem ehemaligen Gebäude des russischen Geheimdienstes befindet. Hier war der Eintritt mit € 4.- angemessen. Im ersten und zweiten Stock befindet sich die Ausstellung zur Besatzung Litauens durch die Nazis und die Russen sowie die später Vereinnahmung durch die UdSSR. Diese behandelte die Deportation vieler Litauer, die Ermordung von 200.000 litauischen Juden und die Partisanenkämpfe der Aufständischen. Im Keller befindet sich das ehemalige KGB-Gefängnis, das eine unheimlich beklemmende Atmosphäre besitzt. Man kann sich kaum vorstellen, wie viele Menschen hier gelitten haben, gefoltert und ermordet wurden. Schon sehr erschreckend und irgendwie auch ziemlich irreal.

Nach zwei Stunden habe ich dieses Horrorhaus wieder verlassen und einen Rundgang am Rande der Altstadt, vorbei am Parlament und entlang der Flußufers unternommen, bis ich zum Nationalmuseum und dem dahinter liegenden Burgturm gekommen bin. Der Weg auf die Burg war wegen des steinigen und steilen Wegs gar nicht so einfach, aber von oben hat man ebenfalls einen tollen Blick über die Stadt. Leider waren ziemlich viele Leute und auch nervige Kinder unterwegs. Da der Eintritt für den ranzigen Turm ganze 5 Euronen gekostet hat, hab ich mir es gespart dort hoch zu steigen, denn auch von unten hatte man einen tollen Blick. Danach bin ich wieder abgestiegen und auf den neben dem Turm liegenden großen Platz marschiert, wo ein weiterer Turm und eine riesige Kathedrale zu finden sind. Auch hier jede Menge Menschen unterwegs. Gleiches galt für den in unmittelbarer Nähe gelegenen, eigentlich recht schön gestalteten Erholungspark.

0

0

Vom Park aus ist es nur ein Katzensprung ins angrenzende Künstlerviertel Uzupis. Man muss nur vorbei an ein paar weiteren Kirchen, von denen es hier Unmengen gibt, und über eine kleine Brücke – schon ist man in dem alternativen Stadtteil, das sich selbst auf satirische Weise für unabhängig erklärt, eine eigene Regierung, eine 12 Mann starke Armee und eigene Verfassung hat. Diese ist auf zig Sprachen in ebenso viele Metalltafeln eingraviert, die an einer Maue im Zentrum des Viertels geschlagen wurden. Leider auch hier viele Menschen, vornehmlich Touristen.

0

0

Die letzte Etappe sollte mich dann zurück in die Altstadt führen, wo sich der monumentale Präsidentenpalast befindet. Will man auf das Gelände muss man durch einen Körperscanner und seine Taschen durchsuchen lassen, weswegen die Touristengruppen hier nicht anzutreffen sind. War dann auch ganz angenehm und relativ ruhig dort. Hinter dem Palast befindet sich noch ein kleiner, netter Skulpturenpark, den ich auch noch kurz durchstreift habe. Danach ging es, mit einem Abstecher zum Supermarkt, zurück ins Hostel. War nämlich auch schon wieder kurz nach sechs. Hab dann schnell geduscht, meine Fotos sortiert und meine Essensreste warm gemacht. Irgendwann kam dann auch Vitali wieder, auf den ich aber gar kein Bock hatte. Zum Glück ist der ziemlich schnell wieder abgedampft, als er gehört hat, dass in der Kneipe nebenan das Bier heute nur einen Euro kostet. War mir dann auch recht. So hab ich den letzten Abend doch gemütlich ausklingen lassen können.

0

Am nächsten morgen ging es dann mit dem Zug zum nahe gelegenen Flughafen und auch schon wieder zurück nach Stuttgart. War ein wirklich toller Trip und ich hätte mir noch drei, vier Tage mehr hier gewünscht um noch ein wenig mehr von diesen drei Ländern zu sehen. Ich kann einen Besuch dort jedenfalls nur empfehlen.

Ein paar Tage in Lettland (Okt. 2018)

Nach Estland war Lettland die nächste Etappe meiner Baltikum-Reise. Hier meine Eindrücke

Sigulda

Um viertel nach acht startete der Bus von Ecolines nach Riga. Nach dem Einladen des Gepäcks hat mir aber der Fahrer erst mal den Kontrollabriss auf die Hand geklebt und abgestempelt, damit auch alles seine Ordnung hat.

Der Bus, der von St. Petersburg über Tallinn gekommen war, war recht modern und auch gut gefüllt. Die Fahrt über hab ich ein wenig den Reiseführer studiert und noch etwas geschlummert. Zu sehen gab es draußen nämlich nichts, da es mal wieder geschifft hat. Um 10:45 Uhr waren wir dann in der lettischen Hauptstadt Riga und glücklicher Weise hat es auch aufgehört zu regnen. Hab mich am Busbahnhof erst mal ein wenig orientiert und bei der Touristeninfo Kartenmaterial eingepackt. Danach bin ich zum Hostel gelatscht, das nicht weit vom Busbahnhof und ziemlich nahe am Bahnhof liegt. Glücklicher Weise konnte ich auch hier gleich einchecken und mich dann auch gleich wieder auf den Weg machen.

Riga wollte ich heute noch nicht erkunden, also bin ich gleich wieder zum Bahnhof und hab mir ’ne spott-billige Fahrkarte ins nicht all zu weit entfernte Städtchen Sigulda gekauft. Hier steht das berühmteste Schloss Lettlands und das darf ich mir ja nicht entgehen lassen. Nach 75 Minuten Fahrt mit der Bummelbahn war ich in Sigulda. Da der Bus zur Burg von Turaidas erst in einer halben Stunde fahren sollte, hab ich mich zu Fuß auf den 4,5 km langen Weg gemacht. Immerhin liegen auf dem Weg auch noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten. Zum einen wäre da die evangelische Kirche die recht schlicht ist. Innen drin kam dann gleich so‘ne Tussi angerannt, die meinte, man könne auch auf den Turm. Eine Spende wäre aber nett. Also hab ich einen Cent in die Opferkasse geschmissen und bin den Turm hoch gekraxelt. War aber nicht wirklich lohnenswert. Sehr eng war‘s neben der Glocke und Millionen von kleinen Mücken sind dort herum geschwirrt. Also bin ich wieder runter und weiter zum neuen Schloss. Leider wird das gerade renoviert und ist komplett in ein Gerüst eingehüllt. Direkt dahinter sind noch ein paar gut erhaltene Burgruinen, die ich mir aber nur von außen angeschaut hab. Hatte kein Bock, dafür Eintritt zu zahlen.

Leider hat es dann wieder angefangen zu regnen und ich hab mir ernsthaft überlegt, ob ich die restlichen drei Kilometer nach Turaidas laufen soll. Hab mich dann aber dafür entschieden, was auch gut war. Fünf Minuten später hat es dann auch schon wieder aufgehört zu regnen. Es ging über eine Brücke und unterhalb eines weiteren kleinen Schlösschens zur Gutmannshöhle, die lediglich ein paar Meter tief, aber die größte aller baltischen Staaten ist. Die herbstliche Umgebung war aber sehr nett. Ein paar kleine Seen und die farbigen Blätter der Bäume waren schon hübsch anzusehen. Danach ging es gefühlt 500 Stufen bergauf. Bin total ins Schwitzen gekommen, da es nach dem Regen auch ein wenig schwül geworden ist. Kaum oben angekommen, ging es wieder dutzende Stufen hinunter. Im weiteren Verlauf des Weges ging es dann dauernd Trepp auf, Trepp ab. Das die keine normalen Wege bauen können?! Am meisten hat mich aber genervt, dass die Brille dauernd angelaufen ist und ich kaum was gesehen hab.

Etwas später als geplant war ich deshalb am Eingang zum Gelände der Burg und hatte nur noch 45 Minuten Zeit, um nicht den Bus zurück zu verpassen bzw. dann auch den Zug zurück nach Riga zu bekommen. Hab also das Gelände, für das ich 6,50 € Eintritt zahlen musste, im Schnelldurchlauf durchschritten. Ist schon sehr sehenswert und ich wäre echt gerne noch länger geblieben. Hat sich aber dennoch auf jeden Fall gelohnt. Als ich dann den Bus zurück zum Bahnhof bestiegen hab, hat es wieder angefangen zu regnen. Diesmal aber richtig und nicht nur so Nieselregen, der eigentlich kaum zu spüren ist. Auch die komplette Zugfahrt über hat es gepisst und erst als ich in Riga angekommen bin hat es wieder aufgehört. Im Endeffekt hab ich da bisher schon Glück gehabt, dass es meist während meiner Fahrten regnet.

Bin dann als erstes ins Hostel um meinen Rucksack auszupacken und Platz für die anstehenden Lebensmittel-Einkäufe zu schaffen. Diese sind hier übrigens merklich günstiger als in Estland. Nach der kulinarischen Shopping-Tour wollte ich noch ein halbes Stündchen durch Riga schlendern, das um einiges größer ist als Tallinn, aber auch viel mehr Asis und Alkis beherbergt. An fast jeder Ecke steht oder liegt irgendein zahnloser Besoffski rum. Und das schon am frühen Vormittag. Wenigstens labern die einen nicht blöd voll oder grölen unqualifiziert rum, so wie die Säufer am Cannstatter Bahnhof. Aus der halben wurden dann aber doch 1½ Stunden, da es doch einige nette Gebäude im Zentrum gibt, die in der Dunkelheit auch schön beleuchtet sind. War wirklich schön. War dann also erst um 21:15 Uhr zurück im Hostel und hab mir dann schnell noch was zu Essen gemacht. Die Küche hier ist nämlich schon ab 22:00 Uhr dicht.

Riga / Jurmala

Hab heute bis um halb neun gepennt und mir erst mal `n Tee gemacht und mein Vesperbrot geschmiert. Der Japaner der bei uns im Zimmer ist hat derweil sein Frühstück verputzt und natürlich, wie schon gestern Abend, geschmatzt wie blöde. Hätte ihm am liebsten sein Rührei in die Visage gedrückt. Bin dann aber lieber los und hab mir die Sehenswürdigkeiten in der Altstadt von Riga angeschaut. Die orthodoxe Kirche, das Viertel mit den Häusern im Jugendstil, den Pulverturm, das Schloß, die Schwarzmann-Häuser, die 3 Brüder, die Petruskirche (von außen, da der Eintritt unverschämt viel Eintritt kostet) und die Skulptur mit der Bremer Stadtmusikanten. Bin danach noch in die große Markthalle, eine der ältesten Europas. Vor allem der Fischmarkt ist sehr sehenswert. Allerdings war ich ein wenig schockiert, da einige der Fische, die dort auf Eis ausgestellt sind noch geatmet und gezuckt haben.

Danach bin ich zum Bahnhof, um nach Jurmala zu Fahren. Eigentlich gibt es die Stadt gar nicht, denn Jurmala ist der Zusammenschluss einiger kleiner Örtchen, die direkt neben einander liegen. Direkt vor bzw. hinter dem Bahnhof hab ich dann eine kuriose „Schlägerei“ beobachtet. Zwei total dichte Alkis wollten sich prügeln. Der eine hat so komische Boxer-Angriffe simuliert, ist dabei gestolpert und auf die Fresse geflogen. Der andere wollte sich dann wieder auf die Bank setzen, da diese aber keine Rückenlehne hatte, ist er hinten runter gekippt und auch liegen geblieben. Kein einziger Schlag, aber trotzdem beide ausgeknockt. Hab mir dann die Fahrkarte geholt und ein Pärchen mittleren Alters angetroffen, das etwas ratlos war und wohl auch nach Jurmala wollte. Nett wie ich bin, hab ich die beiden beim Fahrkartenkauf unterstützt, zum Zug mitgenommen und mich auf der Fahrt gut mit ihnen unterhalten. Ist auch immer mal wieder schön, sich ein wenig auszutauschen.

Bin dann bis Dibulti gefahren, das relativ weit im Westen von Jurmala liegt. Wollte von dort aus die anderen Örtchen durchlaufen und etwas am Strand spazieren. Allerdings war‘s am Strand ziemlich voll. Einerseits lag das am guten Wetter, andererseits auch daran, dass am Strand ein Radrennen statt fand. Von dort aus ging es in das Örtchen Majori, das wohl das touristischste ist. Hier gibt es eine Flaniermeile mit schnieken Restaurants und Cafés. Alles etwas gehobener in der Preisklasse. Und auch ein Publikum, dass eher schnöselig ist. Waren mir dann doch zu viele Leute und so hab ich geschaut, dass ich schnell weiter komme. Bin dann durch einen Park gelaufen, in dem es einen Klettergarten für Kinder gibt. Wirklich toll gemachtes Teil und gar nicht so anspruchslos – und auch abenteuerlich. Dieser Albtraum für Helikopter-Eltern hätte mir als Kind sicher auch gut gefallen. Danach ging es weiter durch die angrenzenden Wälder bis ich an den Fluss Lielupe, von wo aus es eine tolle Aussicht auf das Gewässer zu bestaunen gibt.

Mittlerweile war es aber auch schon wieder 17:00 Uhr und so hab ich mich zum nächsten Bahnhof begeben, um zurück nach Riga zu düsen. Bin dann nochmals in die Altstadt um mir die noch fehlenden Sehenswürdigkeiten, die ich gestern nur in der Dunkelheit gesehen habe, auch noch bei Tageslicht an zu schauen. War dann aber auch ziemlich fertig, also bin ich noch schnell in den Supermarkt gehüpft und hab endlich mal wieder richtiges Fleisch gekauft, um mir später Gulasch zu kochen. Allerdings bin ich dann doch nicht sofort zurück ins Hostel, sondern hab mich noch auf ein wohlverdientes Feierabendbier in den Park zu setzen.

Zurück im Hostel hab ich schnell geduscht und mich dann noch ein wenig mit der netten Tante aus Paris unterhalten, mit der ich gestern schon ein bisschen gequatscht hatte. Offenbar war sie heute auch in Jurmala und wir haben uns ein bisschen darüber ausgetauscht. Aber auch darüber, dass ich angeblich letzte Nacht geschnarcht hätte. Komisch. Hatte nichts gehört. Musste dann aber auch langsam kochen, um vor 22:00 Uhr fertig zu sein. Plötzlich kam dann wieder der Japaner an und hat sich mit seinem Laptop, seinem Tablet & seinem Smartphone neben mich gehockt und angefangen, sich laufen irgendwelche Kekse genüsslich schmatzend rein zu pfeifen. Hab dann halt angefangen hörbar zu furzen und zu rülpsen. Fand er offenbar gar nicht so cool, denn nach jedem Rülpser hat er mich angeglotzt und irgendwas auf japanisch vor sich hin gebrabbelt. So wie ich halt, jedesmal wenn er wieder zu schmatzen begonnen hat. Somit waren wir wenigstens beide von einander genervt. Aber wenn‘s zur fernöstlichen Kultur gehört zu schmatzen und sich einen Scheiß darum zu scheren ob das andere nervt, so gehört es halt – wie Luther schon sagte – zu unserer Kultur, zu rülpsen und zu furzen. So ist das nun mal.

Ventspils

Heute ging es wieder etwas früher los und so bin ich um viertel nach sieben aufgestanden. Hab mir gemütlich einen Tee gemacht und erneut ein Vesperbrot geschmiert, bevor ich dann mit Sack und Pack zum Busbahnhof gelatscht bin. Pünktlich um 8:40 Uhr fuhr der Bus dann auch los. Drei Stunden hat die Fahrt bis Ventspils gedauert und nachdem ich noch etwas den Reiseführer studiert habe auch noch ein bisschen gepennt. Denn draussen war‘s mal wieder etwas wüster. Soll heißen, es hat angefangen zu regnen. Leider – so wie sonst – hat es nach unserer Ankunft nicht aufgehört zu regnen und so hab ich am Busbahnhof auf besseres Wetter gewartet. Immerhin sind es knapp zwei Kilometer bis zu meiner Unterkunft. Da sich aber keine Besserung eingestellt hat, bin ich eben los gelaufen.

Leicht angefeuchtet bin ich in der kleinen Pension, von mir gewählten Pension angekommen. Eigentlich hatte ich ein Zimmer gebucht, aber da ich der einzige Gast war, wurde ich für den gleichen Preis (15 €) in eine komplette Wohnung mit 4 Betten, Küche, Bad und sogar Fernseher einquartiert. Da die überaus freundliche und eloquente Dame des Hauses noch am sauber machen war, hab ich nur schnell mein Gepäck abgestellt, die Regenjacke übergestreift und bin los in die Stadt. Eigentlich ist Ventspils ein hübsches Städtchen, nur der riesige Industriehafen passt da nicht so recht ins Bild. Zudem war die Stadt wie ausgestorben. Kaum jemand unterwegs und das herbstlich-regnerische Wetter hat den Ort teilweise wie eine Geisterstadt erscheinen lassen. Hab also die paar Sehenswürdigkeiten in der Innenstadt abgegrast. Überall stehen hier übrigens diverse, unterschiedliche Kuh-Skulpturen herum. War mir schon nach der Ankunft aufgefallen und meine Wirtin sagte mir auch, dass das hier die Stadt der Kühe sei. Zudem ist Ventspils zum dritten Mal in Folge zur saubersten Stadt des Baltikums ernannt worden. Und das, wo eigentlich alle Städte in denen ich bisher war ziemlich sauber waren.

Bin dann zurück in die Unterkunft und hab erst mal das formelle geregelt. Eigentlich wollte der Mann der netten Frau von vorhin aber nur die Kohle haben. Kein Pass, kein nichts. Soll mir recht sein. Glücklicher Weise hat es dann endlich aufgehört zu regnen und so hab ich die Regenjacke in die wohlig durch einen Holzofen gewärmte Hütte gehängt, mir die mittlerweile trockene normale Jacke übergestreift und bin los in Richtung Freilichtmuseum, dass ca. 1,5 km südlich der Unterkunft liegt. Die Dame an der Kasse war aber wohl nicht darauf gefasst, dass zu dieser Jahreszeit Besucher kommen und dann den Eintrittspreis von 1,40 € mit einem Zwanziger bezahlen wollen. Als Rausgeld gab‘s daher fast alles in Münzgeld. Das Museum ist ganz nett und neben diversen altertümlichen Booten gibt es hier Nachbauten von frühen lettischen Siedlungshäusern und einer Windmühle zu sehen. Mittlerweile kam sogar die Sonne hinter den Wolken hervor, so dass das Ambiete doch ganz gut zur Geltung kam.

Danach bin ich durch den angrenzenden Ankerpark, der so heißt, weil hier dutzende riesige Anker von anno dazumal herumliegen. Direkt hinter dem Park geht es zur Küste und dem weitläufigen Strand. Und hier wurde ich echt überwältigt, denn die langsam untergehende Sonne hinter den Wolken bot einen grandiosen Anblick über das Meer. Das Licht- und Farbspiel war einfach fantastisch. Allein deshalb hat es sich gelohnt, hier an die raue Küste zu fahren und der verregnete Mittag war plötzlich vergessen. Zwar hat es ziemlich stark gewindet, aber beim Anblick des Meeres und des Himmels war dies überhaupt nicht schlimm. Sogar der Industriehafen erschien in einem ganz anderen, faszinierenden Licht. Bin dann noch die Mole entlang gelaufen bis zum sich weit draußen befindlichen Leuchtturm. War wirklich toll! Danach bin ich aber auch schon wieder zurück in die Unterkunft, denn es war schon kurz vor sieben und ich wollte noch Unterkünfte und Busverbindungen abchecken.

Nachdem ich ein Hostel in Liepaja gebucht hatte, hab ich mich, bevor ich den Trip nach Litauen und der Kurischen Nehrung fest mache, noch über die Busverbindungen informiert und musste mit Schrecken feststellen, dass von Liepaja nach Klaipeda nur drei mal die Woche ein Bus fährt und genau dann, wenn ich fahren will nicht! Hab `ne halbe Ewigkeit gebraucht bis ich eine Alternative gefunden hab, die aber auch nicht zuverlässig ist. Muss ich morgen in Liepaja noch abchecken. Hab daher auch nichts weiter gebucht. Allerdings war‘s dann auch schon ziemlich spät, also hab ich kurz geduscht, mein Essen aufgewärmt und bin deshalb erst gegen halb4 erst ins gemütliche Bett gekommen. Morgen um sieben raus wird wohl ganz schön hart.

Liepaja

Nach nur 3 ½ Stunden Schlaf hab ich m ich aus der Kiste gequält und bin zum Busbahnhof marschiert. Der Bus war diesmal nur ein Kleinbus und es waren mehr Fahrgäste als erwartet, so dass einige der Passagiere stehen mussten. Allerdings fuhren die jeweils nur ein paar Stationen mit. Den Großteil der Fahrt hab ich mal wieder verpennt, aber den Hirsch und seine Hirschkühe, die auf neben der Straße auf einer Wiese neben dem Wald standen habe ich nicht verpasst. Mächtige Tiere! Der Busbahnhof von Liepaja liegt zirka 1,5 km außerhalb des Zentrums, also musste ich ein ganzes Stück laufen. Hab mich zuerst auf die Suche nach dem Büro des lokalen Busanbieters gemacht, das gar nicht so einfach zu finden war. Es ist nur ein Raum im ersten bzw. zweiten Stock (das Erdgeschoss ist hier das erste Stockwerk) eines Geschäftshauses. Ging dann aber ganz schnell und schon hatte ich mein Ticket für morgen in der Hand. Man darf sich eben nicht nur am Internet orientieren, denn viele alternative Möglichkeiten sind auch hier nur außerhalb der virtuellen Welt zu finden.

Bin danach zum Hotel gelatscht, in der Hoffnung auch hier früher einchecken zu können. Dem war aber nicht so, sagte mir der Vermieter am Telefon, denn das Haus war noch verriegelt. Also bin ich wieder zurück und hab mich bei schönem Wetter an das Flussufer gesetzt, gevespert und etwas im Reiseführer geschmöckert. Um kurz nach 14:00 Uhr war ich dann zurück am Hotel, aber leider war immer noch niemand da. Also hab ich nochmals da angerufen und der Vermieter meinte, es komme gleich jemand. Fünf Minuten später kam dann ein ca. 10-jähriger Jung angewackelt. Es stellte sich heraus, dass das der Sohn des Vermieters war, der dann aber auch den kompletten Check In mit mir gemacht hat und der auch wirklich gut englisch gesprochen hat. Ist wohl nicht das erste Mal, dass der Kleine das gemacht hat. Schon seltsam irgendwie. Die Räumlichkeiten sind aber echt gemütlich und das Ambiente wirklich schön.

Bin danach erneut in die Innenstadt und hab mich bei der Information nach einem Bus in den Stadtteil Karosta erkundigt. Hin- und Rückfahrticket haben nur 1,40 € gekostet, also hab ich mich entschieden, dort hin zu fahren. Laut Reiseführer soll es sich lohnen, den Stadtteil anzuschauen. Ist irgendwie auch so, aber nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Neben der opulenten orthodoxen Kirche gibt es nämlich nur übelst verkommene Wohnsilos, die noch aus Sowjet–Zeiten stammen. Alles sehr schmuddelig und versifft. Bin also wieder in den Bus zurück ins Zentrum gestiegen. Wie auch schon auf der Hinfahrt stiegen Fahrkartenkontrolleure zu, was einige Schwarzfahrer in Panik versetzte. Diese versuchten auch schnell und auf rabiate Weise aus dem Bus zu flüchten. Da es aber ein enger Kleinbus war, versperrten die resoluten Kontrolleurinnen einfach mit ihren Körpern die Tür. Gab darauf hin einen kleinen Tumult, der sich aber auch schnell wieder gelegt hat.

Zurück in der Stadt hab ich die paar wenigen Sehenswürdigkeiten abgeklappert, aber wirklich viel, bzw. spektakuläres gibt es hier nicht. Die üblichen Kirchen, ein paar Statuen, die Holzbaracke von Peter I. und ein paar kleine Parks. Also hab ich mich mit einem Abstecher zum Supermarkt wieder zurück ins Hotel begeben. Hab dort meine Fertig-Lasagne in den Ofen geschoben und konnte jetzt auch endlich das Hostel für den nächsten Tag buchen. Hab auch gleich das Hostel für die letzten zwei Tage in Vilnius gebucht und versucht in Silauliai etwas zu finden, was aber gar nicht so leicht war. Bin dann durch Zufall auf die Jugendherberge der Technischen Universität gestoßen und eine Anfrage verschickt. Sollte das nicht klappen, muss ich eben nach Kaunas oder nach Panvezys ausweichen. Hoffe aber das beste.

Somit war mein kurzer Besuch in Lettland, der leider nur vier Tage umfasste, auch schon wieder vorbei. Einen Tag mehr wäre ich schon gerne noch geblieben, was mein begrenzter Zeitplan aber leider nicht zugelassen hat. Die nächsten fünf Tage in Litauen dann im dritten Teil…

Ein paar Tage in Estland (Okt. 2018)

Die ist ein dreiteiliger Reisebericht, denn ich habe in einem Aufwasch gleich alle drei baltischen Staaten besucht. Entgegen der üblichen Reiseruten hab ich meinen Startpunkt im Norden gewählt, um dann gen Süden zu reisen. Mein erstes Ziel hieß also Tallinn (ehemals Reval), die Hauptstadt von Estland, wo Samstag abends angekommen bin.

TALLINN

Mein Hostel direkt lag in der recht überschaubaren, aber sehr sehenswerten Altstadt von Tallinn. Nachdem ich mein Bett bezogen hatte, bin ich flux noch für eine Runde durch diese gelaufen und hab mir in der bereits aufziehenden Dämmerung noch ein paar in der Nähe gelegene Sehenswürdigkeiten angeschaut: Die alte Stadtmauer, den Kiek in de Kök (der ehemalige Kanonenturm) und die orthodoxe Kirche. Bin danach aber auch noch quer durch die Altstadt auf der Suche nach einem Supermarkt. Sehr schöne, steinalte Gebäude, zum Teil mehrere Jahrhunderte alt, finden sich hier und die Restaurants drum herum waren gut besucht. Der Supermarkt, den ich dann auch schnell gefunden habe, war allerdings ziemlich klein, also habe ich mir nur ein Willkommensbier geholt und mich dann weiter auf die Suche nach einem etwas größeren Einkaufsladen gemacht. Wenige Meter außerhalb der Altstadt war dieser ebenso schnell gefunden, so dass ich mich mit ein paar Grundnahrungsmitteln eindecken konnte. Die Preise sind – für mich etwas überraschend – höher als hier zu Lande, aber immer noch annehmbar. Da ich in der letzten Nacht nur drei Stunden geschlafen hatte, von der Reise und dem doch etwas etwas ausgedehnteren Spaziergang etwas geschafft war, hab ich mich nach dem dem Abendessen aber doch recht schnell zu Bette begeben.

Leider war das Wetter am nächsten Tag doch etwas trübe. Dennoch habe ich mich zur rustikalen Strassenbahn begeben und bin mit dieser zum nahe gelegenen Schloss Katriorg gefahren, welches von einem riesigen Garten umgeben ist. Hier hat mich eine ebenfalls alleine Reisende angequatscht und nach dem Weg gefragt. Kurzerhand haben wir uns dann gemeinsam bei regnerischem Wetter durch die Parkanlagen zum Schloss begeben und die dortige Ausstellung besucht. Danach haben sich unsere Wege allerdings auch schon wieder getrennt und ich bin noch etwas im Nieselregen durch den Park und den angrenzenden japanisch Garten gelatscht. Mein nächstes Ziel war der Fernsehturm, der etwas außerhalb der Stadt liegt und das höchste Gebäude der Stadt ist. Hier wurde es wegen des nun auch einsetzenden starken Windes richtig ungemütlich. Und die kleine Sowjet-Ausstellung war mir dann doch zu teuer, um mich aufzuwärmen. Also ging es in den angrenzenden botanischen Garten, der weitläufig und sehr schön ist. Mittlerweile hatte es etwas aufgeklart, so dass es doch sehr angenehm dort war. Allerdings auch sehr menschenleer, was mir nicht ganz unrecht war.

Mit einem kurzen Abstecher zur Ruine des Brigitten-Klosters, das eine faszinierende Ausstrahlung besitzt, ging es dann zurück in die Stadt. Nachdem ich ein wenig Proviant organisiert hatte, ging es zu Fuß etwa drei Kilometer zu Fuß zurück an den Stadtrand und dem sich dort befindlichen Denkmal der Opfer der sowjetischen Besatzung und dem kaum belegten deutschen Soldatenfriedhof. Mittlerweile hat es wieder stärker zu regnen begonnen und an der Uferpromenade hat es gezogen wie Hechtsuppe, so dass ich mit dem Bus zurück in die Stadt gefahren bin. Nachdem ich nochmals durch die wirklich schöne Altstadt gelaufen bin, war ich dann doch recht spät und nach über acht Stunden im Regen auch etwas aufgeweichtem Zustand zurück im Hostel. Dort hat mich dann gleich eine Britin mittleren Alters mit einer Flasche Wodka empfangen und ich kam nicht drum herum, diese mit ihr zu leeren und mich dabei mit ihr und einer Touristin mit Migrationshintergrund aus Irland über Gott, die Welt und die Flüchtlingsfrage zu unterhalten. War ein sehr anregendes, Alkohol geschwängertes Gespräch.

LAHEMAA-NATIONALPARK

Am nächsten morgen habe ich mich zur nahegelegenen Touristeninfo begeben, wo schon die Gaby und der Ottmar aus Bayern, sowie ein Pärchen aus Indien und eine Touristin aus Franken gemeinsam mit unserem Guide für den heutigen Tag warteten. Ich hatte mich nämlich entschlossen, die Tour durch den Lahemaa-Nationalpark organisiert zu unternehmen, da es aufgrund der ausgedünnten Infrastruktur sonst nicht möglich gewesen wäre, mehrere Attraktionen an einem Tag abzuklappern. Also fuhren wir im Kleinbus zum größten Wasserfall des Baltikums (Jägala), der ganze 8 Meter hoch, dafür aber knapp 70 Meter breit ist. Erfreulicher Weise war das Wetter heute besser und nur etwas bewölkt. Nach diesem spektakulären Anblick ging es weiter zu einem der vielen Gutshöfe, die vor zwei bis drei Jahrhunderten von deutschen, dänischen oder schwedischen Bonzenfamilien als Sommerdomizil errichtet wurden, nun aber leerstehen und verfallen. Für‘n Apfel und `n Ei kann man solch ein Gehöft erwerben, verpflichtet sich aber dazu, dieses im Originalzustand zu renovieren, was von den Behörden auch streng überwacht wird und wofür man dann doch ziemlich tief in die Tasche greifen muss. Hier gab es von unserem hipsteresken Guide auch einen humorvollen und sehr interessanten Abriss zur Geschichte Estlands. Im Anschluss fuhren wir in den kleinen Küstenort Käsmu, wo der Besuch eines kleinen, sehr urigen Museums auf dem Programm stand, das von einem ortsansässigen Sammelwütigen in dessen Privathaus eingerichtet wurde. Sehr interessante Ausstellung von Fischerei- und Schiffahrtsdevotionalien. Überhaupt ist das Haus sehr schön und recht antik eingerichtet. Bei Arne, dem Hausherren haben wir dann auch an einer festlichen Tafel mit tollem Blick über die Küste zu Mittag gespeist. Sehr leckeres Lachssteak mit Kartoffeln und Mayonaisse-Soße. Im Anschluss gab‘s noch einen tollen Apfelkuchen. Begleitet von den zwei anschmiegsamen Haushunden haben wir im Anschluss noch einen halbstündigen Verdauungsspaziergang entlang der landschaftlich überwältigenden Küste entlang gemacht.

Danach wurden wir zu einem kleinen Fischerörtchen kutschiert. Sehr schöne Holzhäuser, aber auch schnuckelige Ferien- bzw. Sommerhäuschen der Eingeborenen gibt es hier zu sehen. Zudem einen tollen Blick über das Meer. Alles sehr idyllisch und ruhig. Hat mir sehr gut gefallen. Danach ging es aber auch schon weiter zu einem weiteren Gutshof. Diesmal zu einem bereits komplett renovierten, so dass man gut den Unterschied zu der Bruchbude gesehen hat, die wir uns am Vormittag angeschaut hatten. Unsere letzte Etappe führte uns dann zu einer riesigen Moor-Landschaft, die man auf schmalen Holzstegen (Bog-Trails) durchqueren kann. Gut drei Kilometer ist der Weg lang und bietet einen phantastischen Ausblick auf das Moor mit seinen vielen kleinen Seen, den Sträuchern in der Umgebung und dem Wald im Hintergrund. Wirklich faszinierend und eine atemberaubende Landschaft.

Mittlerweile war es bereits 18:00 Uhr und so haben wir uns auf den Rückweg nach Tallin gemacht. Nachdem wir uns alle Verabschiedet hatten, bin ich schnell zur Tram-Haltestelle gelaufen um zu schauen, wann morgen früh die Bahnen zum Flughafen fahren. Danach ging es erneut ein wenig durch die Altstadt. Um kurz nach acht war ich dann etwas abgeschlagen zurück im Hostel.

SAAREMAA / KURRESAARE

Heute hieß es früh aufstehen. Um 6:30 Uhr bin ich aus dem Haus und mit der Tram zum Flughafen gefahren. Ohne lange Wartezeit bei der Sicherheitskontrolle ging es dann mit den restlichen 8 Passagieren zum Flieger, einer kleine Propellermaschine, die gerade mal 19 Sitzplätze hat. Der Flug war angenehm und eine halbe Stunde später waren wir bereits am Airport von Kurrassare, der größten Stadt auf der der größten Insel des Landes (Saaremaa). Da es keine Busverbindung gab, bin ich die drei Kilometer in die Stadt gelaufen. Erfreulicher Weise hat sich heute sogar die Sonne blicken lassen, so das ich fast ins Schwitzen gekommen bin.

Als erstes bin ich zum an der Küste gelegenen Schloss und hab dieses von allen Seiten geknipst. Danach bin ich noch etwas an die Küste, bevor es in die Innenstadt ging bin. Leider ist diese zur Zeit größtenteils eine Baustelle. Was mir, wie schon in Tallinn aufgefallen ist, ist dass kaum Bullen zu sehen sind, dafür aber überall Überwachungskameras hängen. Man fühlt sich also schon etwas überwacht. Bin dann weiter gelaufen zum Busbahnhof und hab mich zum einen nach einem Bus nach Kaali erkundigt, wo ich heute noch hin wollte, zum anderen habe ich gleich ein Ticket für die Busfahrt morgen nach Pärnu erstanden. Die schrullige alte Dame am Schalter war auch sehr hilfsbereit und hat mir die Verbindungen nach Kaali und auch die Verbindungen zurück in die Stadt aufgeschrieben. Der Bus dorthin kostet übrigens nichts, was mich doch sehr verwundert hat. Dies bemerkte auch die Schalterfrau und hat deshalb nochmals deutlich gesagt „Zero Euro“! Allerdings hatte ich noch zwei Stunden bis zur Abfahrt Zeit, also bin ich zum Hostel gelaufen, obwohl Check in erst ab 14:00 Uhr ist. Das Hostel liegt in einem schäbigen Gebäude und die Rezeption ist in der Wäscherei der Mutter des Hostelwirtes. Zumindest sind dann saubere Bettlaken und Handtücher garantiert. Da ich noch etwas Zeit hatte bin ich nochmals zur Küste. Von dort aus dann in den Supermarkt, um mir Proviant zu holen. Zehn Minuten vor Abfahrt war ich dann am Busbahnhof. Allerdings war ich verwundert, dass sich alle Fahrgäste ein Ticket beim Fahrer geholt haben. Hat mich die Alte etwa verarscht? Dem war aber nicht so, denn auf dem Ticket stand der Preis von € 0,00.

Die Fahrt nach Kaali dauerte gut 15 Minuten. Hier gibt es nur 5 oder 6 Gebäude und das Kraterfeld, das ich mir anschauen wollte. Als ich dann am nahen Meteoritenkrater ankam, war ich doch ziemlich ernüchtert. Da ist halt ein 100m breites Loch im Boden mit einer Pfütze in der Mitte. Nach 10 Minuten war ich daher fertig mit der Besichtigung. Blöd nur, dass der Bus zurück in die Stadt erst in gut zwei Stunden hier losfahren sollte. Ich stand also mitten im Nirgendwo mit nichts drum herum. Also bin ich einfach mal los gelaufen. Der nächste Ort, Koljala, war auch nicht viel größer. Hier standen einige verfallene Höfe und ein paar kasernenähnliche Wohnhäuser. Alles sehr ärmlich, verfallen und baufällig. Nicht weit von der Siedlung entfernt war ein verlassener Grill- und Spielplatz, wo ich mich dann niedergelassen, mein Vesper verzehrt und die Zeit genutzt habe, um im Reiseführer nachzuschauen, was denn in Lettland und Litauen für mich in Frage kommen würde, da ich hierfür noch gar nichts geplant hatte.

Hab mich dann so langsam wieder auf den Weg nach Kaali gemacht, um den Bus nicht zu verpassen. Nicht dass ich nochmal 90 Minuten auf den nächsten Warten muss. Mittlerweile hat es etwas zugezogen und es wurde doch recht frisch. Und da ich ohne Jacke unterwegs war, war ich froh, mich im Bus ein wenig wärmen zu können. Zurück in Karrasaare bin ich dann zurück ins Hostel und hab mir meine Jacke geholt, bevor ich noch etwas nach draußen und in nördliche Richtung am Stadtrand entlang bin. Ach hier viele schäbige, 2-3 stöckige Wohnhäuser die ziemlich baufällig aussahen. Bin dann noch kurz zur ältesten Steinbrücke des Landes, bevor ich mir im Supermarkt mein Abendessen geholt habe. Leider gibt es keine Küche hier, sondern nur eine Mikrowelle, weshalb ich mir zwei Gläser mit Fertigfraß geholt habe. Da es hier auch keine Stühle gibt, durfte ich das Futter im Stehen einer Theke zu mir nehmen, bevor es zur Nachtruhe ging.

PÄRNU

Hab heute mal richtig gut geschlafen, bis um viertel Nach sieben mein Wecker geklingelt hat. Ebenso wie der von einem meiner zwei Zimmergenossen. Allerdings hat der sein Teil immer wieder auf „Schlummer“ gestellt und alle 3 Minuten ging das Scheiß-Teil wieder los. Und das die ganze halbe Stunde die ich noch vor Ort war. Als ich dann mit Sack und Pack los bin hat der Typ, verpackt in einen eng anliegenden Ganzkörperdress seine Koje dann auch endlich verlassen. Was für `ne Wurst. Um kurz nach acht war ich dann am Busbahnhof und der Bus, ein Kleintransporter mit 15 Plätzen stand schon bereit. Die Fahrt bis zur Fähre hab ich dann auch wieder verschlafen, was aber auch egal war, denn das Wetter war doch ziemlich regnerisch.

Mit der Fähre ging es zurück auf‘s Festland und da es mittlerweile aufgehört hat zu regnen und auch kaum Wind ging, konnte ich die Überfahrt auf dem Sonnendeck verbringen. Von der anderen Uferseite war es noch eine Stunde Fahrt. Auch hier durfte ich jetzt schon einchecken und konnte mein Gepäck im von mir allein bewohnten 8-Bett-Zimmer abstellen. Riesiges Teil mit dem Charme eines sowjetischen Landschulheims ist das hier und insgesamt sind nur fünf oder sechs andere Leute da, die alle auf verschiedene Zimmer verteilt waren. Bin aber auch gleich weiter in die Stadt, die ziemlich trostlos ist. Wirklich kaum was los hier. Liegt aber auch an der Saison, denn Pärnu ist eigentlich ein beliebter Ferien und Wellness-Ort. In der Touristinfo hab ich mich dann nach Verbindungen in den Soomaa-Nationalpark erkundigt. Leider fährt morgens nur ein Bus dort hin und der startet bereits um kurz nach sechs. Die überaus hilfsbereite Dame an der Info hat zwar versucht, mir eine private Mitfahrgelegenheit zu organisieren, aber vergebens. Muss ich wohl morgen den Bus um 6:05 Uhr nehmen.

Danach bin ich etwas durch das Städtchen gelaufen, das wirklich nicht viel zu bieten hat. Hab mich also gefragt, wie ich den Tag rum bringen soll. Aber je weiter ich gelaufen bin, desto mehr hat es mir gefallen. Denn hier gibt es dutzende sehenswerte Holzhäuser, die teilweise zwar etwas marode sind aber einen tollen Charme versprühen. In der herbstlichen Umgebung war das alles sehr stimmungsvoll. Genervt hat mich nur ein russischer Penner aus St. Petersburg, der mich vollgequatscht hat. Hab dem zahnlosen Alki zwar gesagt, dass ich kein Russisch verstehe, was ihm aber herzlich egal war. Konnte mich dann aber doch irgendwann von dem Typen loseisen. Bin dann in Richtung Strand marschieret. Auch hier gibt es viele wirklich tolle Holzhäuser, teils etwas vermodert, teils hübsch renoviert. Einfach klasse. Nachdem ich die verlassene Strandpromenade abgelaufen bin hat es leider wieder angefangen zu regnen. Also bin ich ins Hostel und hab mich dort ein wenig ausgeruht. War ja immerhin auch schon wieder fast 10 Stunden auf den Beinen.

Bin dann nochmals los in die City und hab mir im Supermarkt was zum Kochen geholt. Da ich die letzten Tage eigentlich nur Fisch oder Meeresfrüchte gegessen hab, war mir mal wieder nach etwas fleischigem zumute. Mit einem kurzen Umweg über den Park bin ich dann wieder zurück ins Hostel. Dort hab ich mir dann noch fertige Hackfleischbällchen gemacht, die echt ekelhaft waren, aber die Sauce dazu mit frischem Gemüse, war echt lecker. Da muss ich mich mal selbst loben. Schade nur, dass die “Frikadellen“ auch noch für morgen reichen. Gut das noch Soße da ist.

SOOMAA NATIONALPARK

Heute hieß es also früh raus, so dass ich um kurz vor 6 Uhr am Busbahnhof war. Leider fährt ja nur dieser eine Bus, um in den Nationalpark zu kommen. Um 6:45 Uhr war ich dann in Joesuu, wo ich umsteigen musste. Hier befinden sich nur ein paar wenige Häuser und es ist wirklich nichts los. Leider wusste ich nicht ob der Anschluss hier oder auf der gegenüberliegenden Seite abfuhr, aber so viele Busse kommen ja nicht. Leider kam auch mein Bus nicht. Fünf Minuten nach der geplanten Abfahrt kam dann auf der gegenüber liegenden Seite ein Bus, in dem die selbe Fahrerin saß, die mich von Pärnu hier her gebracht hatte. Bin schnell rüber gelaufen, hab gefragt „to Riisa?“ und auf die gegenüberliegende Seite gezeigt. Die Alte hat dann aber bejaht und ist davon gedüst. Nachdem ich eine weitere halbe Stunde gewartet hab, hab ich mich entschlossen los zu laufen. Hab so‘n alten Sack gefragt, wo es lang geht, der wusste es aber leider auch nicht und hat mich ins nahe Altenheim geschleppt. Eine Pflegerin hat mir dann, nachdem mich dort alle mit großen Augen angegafft haben, den richtigen Weg gewiesen. Nach Riisa sind es 8 km, was am frühen morgen doch etwas viel erschien. Und so langsam wurde mir klar, dass mich die Trulla im Bus wohl missverstanden hatte. Denn auf dem Rückweg nach Pärnu macht der Bus offenbar den Abstecher nach Riisa. Das hätte mir die mürrische Schnalle aber auch deutlich machen können, indem sie mich in den Bus winkt. So eine dämliche Kuh!

Nach sechs Kilometern war ich dann am Eingang zu einem Bog-Trail, der laut Beschriftung knapp 5 km lang ist. Den hab ich dann auch begangen und bin bei tollem Wetter durch die faszinierende Moorlandschaft gelatscht. Außer mir war keine Menschenseele hier unterwegs. Aber auch auf der Straße war es bereits auffallend menschenleer. Nachdem ich wieder am Ausgangspunkt war bin ich die Straße weiter bis nach Riisa. Der Ort besteht auch nur aus ein paar wenigen Häusern und zum Infocenter sind es von hier aus nochmals ca. 6 km. Also bin ich entlang der Straße weiter und nach weiteren zwei Kilometern links abgebogen, wo es zu einem weiteren Wanderweg ging. Auch dieser ist knapp 5 km lang und führt durch einen dichten, morastigen und sumpfigen Wald, der immer wieder von schönen Wiesen und Flussläufen durchbrochen ist. Am Ende des Hauptweges geht es dann direkt in den urigen Naturwald bis zum Rande des Moores. Hier gibt es einen Aussichtsturm, von dem aus man einen tollen Blick über die riesige Moorlandschaft hat. Ein kleiner Rundweg führt auch nochmals durch das Moor.

Danach ging es wieder durch den dicht bewachsenen Wald, der richtig schön ursprünglich ist. Mittlerweile war es bereits kurz vor zwei und so musste ich mich langsam zurück zur Haltestelle begeben, in der Hoffnung, dass mich diesmal ein Bus mitnehmen würde. Im Endeffekt war es aber auch gar nicht so schlecht, dass mich die Trulla morgens stehen hat lassen. Ansonsten wäre ich nämlich am ersten Rundwanderweg vorbei gedüst und danach wahrscheinlich bis zum Besucherzentrum gelaufen. Hätte dann den ganzen Weg wieder zurück gemusst und wäre am Schluss wohl genau so viel gelaufen. Auf dem Rückweg führt der Bus von Pärnu übrigens direkt nach Riisa und auf dem Rückweg nicht mehr, so dass ich wieder in Joesuu aussteigen und ca. 50 Minuten warten musste, bis der Bus dann zurück kommt. Der Fahrpreis beträgt übrigens nur 1 €, was doch ziemlich günstig ist für die lange Strecke nach Pärnu. In Jeosuu bin ich dann noch an den nahen Fluß, über den eine wackelige, schwankende Holzbrücke führt und von der aus man einen schönen Blick über die Flussauen hat. Überhaupt ist die Landschaft hier wirklich phantastisch und im herbstlichen Sonnenschein besonders schön anzuschauen.

Um kurz nach 17:00 Uhr war ich dann zurück in Pärnu und nach insgesamt knapp 25km Fußmarsch doch ziemlich geschafft. Bin noch kurz in den Supermarkt mein Proviant für morgen holen und diesmal wollte ich sogar meine Pfandflaschen abgeben. Hab eine Angestellt gefragt, wo ich die abgeben kann und sie meine nur auf dem Parkplatz sei ein Behälter. Dort war allerdings nichts, bis auf einen großen Mülleimer. So funktioniert das hier also mit dem Pfand. Also hab ich die beiden Flaschen halt doch in den Müll geworfen. Obwohl ich schon etwas fertig war, hab ich mich aber, ob des guten Wetters, noch etwas in den Park gesetzt, bevor es dann zurück ins Hostel und unter die Dusche ging. Leider ist ein weiterer Gast bei mir eingezogen, so dass ich das Zimmer nicht mehr für mich alleine habe. Schade, aber ich werd‘s überleben. Genauso wie den Rest der ekligen Fleischbällchen.

Das waren dann aber auch schon die sechs Tage in Estland. Landschaftlich sehr schön, ruhig und entspannen, nur die Leute sind zumeist doch reserviert. Morgen geht‘s dann weiter nach Lettland. Bin mal gespannt, wie es dort so ist.

Ein paar Tage in Minsk (März, 2017)

Zu den Osterfeiertagen wollte ich mal wieder weg. So für vier Tage in irgend `ne Stadt, in der ich noch nicht war. Meine Wahl fiel auf Minsk in Belarus, also Weißrussland. „Aber warum gerade das?“ wurde ich des öfteren gefragt, als ich meine Reisepläne kund tat. Da sogar Aserbaidschan und Kirgisien in den vergangenen Jahren mehr Touristen angelockt hatte, eine berechtigte Frage.

Eigentlich wollte ich ja viel lieber nach Bukarest, aber über Ostern waren die Flüge dorthin viel zu teuer. Dann las ich aber, dass gerade erst die Einreisebestimmungen nach Belarus für 80 Länder gelockert wurden. So kann man als u.a. deutscher Staatsbürger für 5 Tage visumfrei einreisen. Vorausgesetzt, man reist über den Internationalen Flughafen Minsk ein und aus und kann eine für Belarus gültige Reisekrankenversicherung vorweisen. Also schnell etwas recherchiert und auch gleich einen billigen Flug über Wien gefunden. Obwohl ja in Belarus seit 20 Jahren ein Präsidialsystem – so wie es die Türkei demnächst eines bekommt – durch Quasi-Diktator Aljaksandr Lukaschenka gelenkt wird, ist es im restlichen Europa dennoch recht ruhig, ganz im Gegensatz zur Entsetzenswelle vor und nach Erdogans Abstimmung über seine Ermächtigung. Allerdings agiert der türkische Staatspräsident eher provokativ, während sich sein belarusischer Amtskollege eher in Zurückhaltung übt. Daher weiß man auch nicht viel über das Land, die Menschen dort und wie es wirklich hinter diesem Vorhang aussieht in dem Lukaschenka als heimlicher Despot die Strippen zieht. Zur Zeit ist dies übrigens auch das einzige europäische Land, das noch die Todesstrafe vollstreckt. Wie mag es wohl aussehen, dort wo alles verschwiegen

Die Ankunft

Ich hatte mich ja schon auf einen etwas besonderen Trip eingestellt, aber als dann gut zwei Wochen vor Abflug Berichte über Demonstrationen und deren gewaltsame Auflösung zu lesen und zu sehen waren, wurde ich schon ein wenig nervös. Trotzdem hab ich dann meinen Rucksack gepackt und bin morgens um 5 Uhr aus dem Haus und Richtung Flughafen marschiert. Um 13:30 Uhr Ortszeit war ich dann auch schon in Minsk und war gespannt auf die Einreisemodalitäten in dieser Sicherheitshochburg, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und vor allem, ob meine Versicherungsbescheinigung, die ich von der Versicherung nur in deutscher Sprache erhalten hab, anerkannt wird. Aber dann war irgendwie alles total easy. Pass, Einreisekarte und die Bescheinigung vorgelegt, Stempel bekommen und unkontrolliert durch den Zoll. Am Bankomat konnte ich genauso easy zu einheimischer Währung gelangen und mich auf den Weg zum Flughafen-Bus machen. Für mich erstaunlich, dass kaum Sicherheitskräfte, Polizei oder Militär vor Ort war. Im Verhältnis zu anderen Flughäfen jedenfalls. Auch draußen war nicht viel los, nur der etwas kleine Transferbus war schon komplett voll.

01_Minsk

Also habe ich mich ganz dekadent von einem motorisierten Droschkenkutscher für einen fast unverschämt niedrigen Betrag direkt vor meine Bleibe, das „Andrews Loft“, chauffieren lassen. Dabei handelt sich um ein kleines Hostel in einem Appartementgebäude und ist eine umgebaute 4 Zimmer-Wohnung. Sehr gemütlich und für die 3 Nächte absolut tauglich. Der Hausflur und der Aufzug, der einen zur Wohnung im vierten Stock bringt, waren aber absolut verkommen und verrottet. Dennoch habe ich mich vertrauensvoll in den Lift gewagt und dabei an meinen Bruder denken müssen, der professioneller Aufzugprüfer ist. Natürlich wollte ich dann erst mal die Umgebung erkunden. Ganz in der Nähe ist die Metro und ein Supermarkt, sowie ein riesiges Kämpfer-Denkmal. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Markt, auf dem es alles gibt, was man zum Überleben braucht. Die Preise gestalten sich im Bereich Ernährung wie hier zu Lande. Wenn man nun weiß, dass der gemeine Weißrusse einen Bruchteil dessen verdient, was hier als Armutsgrenze festgesetzt wird, ist dies natürlich schon überdenkenswert. Und das in vielerlei Hinsicht!

Auch hier war ich übrigens ob der überall angebrachten „fotografieren-verboten“-Zeichen noch etwas zurückhaltend und nur heimlich am Werk. Mit der Zeit habe ich aber bemerkt, dass es an so gut wie allen, auch offiziell verbotenen Orten möglich war, den ein oder anderen Schnappschuss zu machen. Hatte ich doch zuerst in wirklich jeder Ecke einen verdeckten Agenten des Regimes und in jedem Winkel eine Überwachungskamera vermutet. War aber „Net anderschd also, als wie bei uns au!“, wie der Südwestdeutsche vielleicht sagen tät. Dennoch hatte ich immer eine (un-)gewisse Achtsamkeit im Hinterkopf, nach all dem was man so im Vorfeld eben gehört und gelesen hat.

Minsk

Minsk

Danach in der Metro allerdings das erste Herzklopfen, nachdem ich mir am Schalter Metro-Chips geholt hatte. Jede Metrofahrt kostet einen Chip (40ct.), egal wie viele Haltestellen man fährt. Allerdings gibt es bisher nur 2 Linien. Aber man kommt überall dort hin, wo man – als Tourist – hin will. Daneben gibt es ein gut ausgebautes, mit zum Teil mehr als rustikalen Fahrzeugen ausgestattetes öffentliches, spottbilliges Verkehrsnetz. Jedenfalls wurde mir nach Kauf der Chips, die man dann an den Durchgängen einwirft, wo ein(e) Kontrolleur(in), die mangels Drehkreuzen den Einwurf oder das Auflegen der Chip-Card der Abo-Besitzer überwacht, etwas warm im Gesicht, da mich ein uniformierter Herr mit freundlicher aber bestimmender Stimme zu sich bat. Hinter einem Sichtschutz musste ich meinen Rucksack dann röntgen lassen. Wurde ob der attestierten Ungefährlichkeit meiner Habseligkeiten dann aber durchgewunken.

Minsk

Minsk hat knapp 2 Millionen Einwohner, von denen ich aber relativ wenig gesehen habe. Auf den riesigen Straßen und ebensolchen Gehwegen, aber auch in den weitläufigen Parks waren kaum Menschen zu sehen. Lediglich in der Metrostation, wo sich die beiden Linien kreuzen, und im Hauptbahnhof war so etwas wie belebtes Treiben zu beobachten. Ansonsten war im öffentlichen Raum doch recht wenig von der Bevölkerung zu sehen. Zuerst begab ich mich zum Bahnhof und zwischen den beiden mächtigen Türmen am Eingang zum Stadtzentrum hindurch zum Platz des Friedens. Auf diesem riesigen Platz befindet sich neben diversen Universitäten und der in auffälligem rot gehaltenen Kirche des hl. Simon und der hl. Helena auch das Parlamentsgebäude. Auch hier keine Sicherheitskräfte weit und breit zu sehen, so dass man sich ungestört und etwas verloren fühlend auf dem gigantischen Platz bewegen konnte. Weiter entlang der 8-spurigen Hauptstraße sieht man dutzende weitere Prachtbauten, die sowohl Läden als auch Hotels oder Cafes enthalten. Aber auch die Zentrale des KGB befindet sich hier, die lediglich mit ein paar Überwachungskameras ausgestattet ist, sonst aber keinen sichtbaren Wachschutz aufweist. Gleiches galt übrigens auch im großen und ganzen für das Parlament, den Präsidentenpalast und andere Partei- oder Regierungsgebäude.

Minsk

Minsk

Weiter ging es, vorbei am Palast der Republik mit seinem überdimensionalen, aber ebenfalls verwaisten Vorplatz und dem Kulturpalast in die historische Altstadt, die mit ein paar schmucken Kirchen besetzt ist. Hier traf ich dann auch endlich eine etwas größere Menschenmengen an und das erste und einzige Mal während meines Aufenthaltes sah ich dort auch fröhliche und lachende Menschen. Denn hier spielten einige mittelalterlich gekleidete Musiker ein paar Lieder, bei denen die Zuschauer in die dazugehörigen Tänze mit eingebunden wurden, was für viel Applaus und freudige Gesichter sorgte. Leider war dies der einzige Ausbruch an Lebensfreude, der mir dort begegnet ist. Weiter ging‘s zur nahen Heilig Geist Kathedrale, wo sich ein paar Gläubige zum Osterfest mit Opferkuchen bereit gestellt hatten. Durch meine Vorabrecherche war ich darüber informiert worden, dass die hier vorwiegend orthodoxe Bevölkerung das Osterfest traditionsbewusst und ausgeprägt feiert. Dies konnte ich anhand der spärlichen Anwesenheit Gläubiger vor dieser und auch der anderen bisher gesehenen Gotteshäuser aber nicht so richtig nachvollziehen. Vielleicht ist das in ländlicheren Gegenden ja ausgeprägter als hier in der Großstadt. Obgleich hier doch die bedeutendsten kultischen Stätten des Landes zu finden sind.

Minsk

Minsk

Vom Vorplatz hat man einen großartiges Panorama über die „Upper Town“ mit vielen Hotels, Geschäftsgebäuden linkerseits, fast bedrohlich wirkenden Wohnbunkern rechterseits und die sich mittig, entlang von Parkanlagen und ebenfalls überdimensionierten und trostlos wirkenden Sporthallen schlängelnden Swislatsch. Folgt man dieser, kommt man direkt zum, wie sollte es anders sein, großzügig angelegten Victory Park. An dessen Eingang befindet sich neben einem entsprechend auffälligen Eingangstor auch das „belarussische staatliche Museum für die Geschichte des großen vaterländischen Krieges“ – so steht‘s auf dem deutschsprachigen Beiheft. Das Museum wurde bereits, damals in noch anderen Räumlichkeiten, kurz nach der Befreiung von Minsk, noch während des Krieges eröffnet und stetig ausgebaut. Seit einigen Jahren ist diese unglaublich große Sammlung an Kriegshinterlassenschaften im prunkvollen neuen Bau am Siegespark zu sehen. Und der Besuch lohnt sich wirklich. Die Ausstellung ist abwechslungsreich gestaltet und zeichnet sich durch verschiedene Präsentationsformen wie etwa aufwändige Dioramen, Szenendarstellungen, Filmpräsentationen und traditionelle Schaukästen aus; informativ ist Sie aber auch (alle Beschriftungen sind in englischer Sprache vorhanden). Hier könnte man durchaus den ganzen Tag verbringen. Denn darüber hinaus vermittelt die Ausstellung auch Emotionalität. Immerhin handelt es sich um eine doch recht patriotische ausgeprägte Darstellung, die viel Stolz aber auch Andenken an die „Helden des sowjetischen Volkes“ für sich proklamiert. So finden sich hier hunderte Fotos dieser Helden und Heldinnen, mit kurzen Beschreibungen und persönlichen Gegenständen der Person. Das kann einen schon gefangen nehmen, da es die Menschen im Krieges nicht als bloße Masse, Volksgruppe, Partei oder Armee darstellt, sondern nachvollziehbar personalisiert. Volksheldentum hin oder her. Daneben kann man aber auch alle (un)möglichen Waffen und Kriegsutensilien die zum Einsatz kamen bestaunen. Auch das, was die russischen Partisanenverbände improvisiert hatten um sich den germanischen Invasoren entgegen stellen zu können. So liegt auch ein besonderer Blick auf diesen Zivilmilizen, Partisanen und ‚Flintenweibern‘, die in der Besatzungszeit den Nazis das fürchten gelehrt haben. Ein besonderes Gedenken wird auch dem Vernichtungslager Maly Trostinez geboten. Immerhin das viertgrößte, weil nicht auf dem Podest, aber mittlerweile kaum mehr bekannt. Im obersten Stockwerk unter einer gläsernen Kuppel befindet sich dann auch der eindrucksvolle Saal der Sieger, in dem auch die Namen von mehr als 2000 militärischen und zivilen Widerstandskämpfern in Marmor eingemeißelt sind. Auch wenn der bereits erwähnte Patriotismus, der aus jeder Ecke tropft, manchmal etwas überhand nimmt, ein auf jeden Fall sehenswertes Museum.

Minsk

Minsk

Nach diesem beeindruckenden historischen Overflow begab ich mich noch auf eine Runde in den Victory-Park. Wie fast alles hier in Minsk ist dieser relativ groß und auch sehr sauber. Wirklich Dreck sieht man hier kaum. Vielleicht mal einen weggeworfenen Kippenstummel, das war‘s aber auch schon. Aber sauber heißt ja nicht automatisch gepflegt. Und so merkt man meist erst auf den zweiten Blick, was hier so alles im argen liegt. Was den Park betrifft ist dieser allerdings wirklich schön. Aber auch hier sind kaum Menschen anzutreffen. Das ein oder andere flanierende Pärchen, ein paar Mütter mit Kinderwagen oder zielstrebig marschierende Pensionäre waren unterwegs, ansonsten habe ich mich aber zuweilen ziemlich allein in den Weiten der Anlage gefühlt. Am Ende des Parks befindet sich der sogenannte „Palast der Unabhängigeit“. Dabei handelt es sich um den hermetisch abgeriegelten, protzigen Präsidentenpalast des Despoten. Aber auch hier nur sehr wenige Sicherheitskräfte zu sehen und so konnte ich das Gebäude mit dem irreführenden Namen trotz strengem Fotografierverbot ablichten – auch wenn das wegen der hohen Zäune und der dortigen Kameraüberwachung nur von einer gewissen Entfernung aus möglich ist. Auch der Rückweg durch den Park war von Einsamkeit geprägt und die große Spiel- und Freizeitwiese war wie tot.

Minsk

Minsk

Leider lässt sich nur spekulieren, worin die Gründe hierfür liegen. Doch Ostern? Noch zu kalt? Wichtigeres zu tun als nur im Park abzuhängen? Könnte aber auch noch eine Menge andere Gründe haben. Eine abschließende Erklärung kann ich hierzu leider nicht liefern. Vorbei an vereinsamten Wohnparks entlang der Hauptstraße bin ich dann zu einem abgelegenen Metrozugang gelangt, über den ich den Weg zurück in‘s Hostel angetreten hab. Nach 10 Stunden unterwegs sein war ich nämlich doch etwas abgehangen.

Minsk

Minsk

Das Outback

Ich wollte natürlich nicht nur die herausgeputze Großstadt sehen, sondern auch die ländliche Gegend erkunden. Also habe ich mir am nächsten Tag ein Zugticket nach Minskaja Mora gelöst. Das mit dem Zug etwa 45 Minuten entfernt liegende Nest schien mir geeignet für einen kleinen Ausflug, da auf der Karte hier auch ein etwas größerer See eingezeichnet war, den man – wie ich dachte – sicherlich etwas erkunden kann. Dem war leider nicht so, da es an der Küste doch recht windig und kühl war. Bin abseits des Sees dann aber etwas durch die Prärie gewandert und hab den ein oder anderen schönen Flecken, aber auch viele trostlose Gegenden durchwandert.

Minsk

Minsk

Minsk

Bin danach auf die andere Seite des Bahnhofs in Richtung des Dorfes, weil ich mir die Lebensbedingungen dort schon anschauen wollte. Und die sind wirklich erschreckend. Halb verfallene, dafür aufmunternd gestrichene Holzbaracken beherrschen das Straßenbild. Vieles ist verfallen und vermodert und die Leute scheinen nicht in der Lage zu sein (aus welchen Gründen auch immer), sich um Reparaturen zu kümmern. Dafür kamen mir alle Nase lang über die lehmige und löchrige Straße moderne Autos entgegen. Hab mir erst nichts dabei gedacht, aber als ich am Dorffriedhof vorbei durch den Wald gelaufen bin, hat sich hinter dem Hügel eine weitere kleine Siedlung verborgen. Drei Sträßchen mit gepflegt aussehenden Häusern und pitoresken Vorgärten mitten im Wald, umgeben von einem großen, gusseisernen Zaun. Da hier wohl irgendwelchen Wohlhabenderen ein idyllisches Wohnen zugestanden wird, versteckt im Wald und in Nachbarschaft eines ruinengleichen Dorfes fand ich dann doch etwas verstörend. Hier übrigens (bis auf die entgegenkommenden Autos) auch kaum jemand zu sehen! So langsam hatte ich das Gefühl, dass ich Teil einer Art Truman-Show sein könnte. Oder war ich nur zum falschen Zeitpunkt hier? Was war in den zwei Wochen zwischen den Demos und meinem Besuch hier passiert? Warum wirkte alles wie ausgestorben und warum konnte ich mich überall so frei bewegen, so dass ich gegen später schon fast übermütig wurde?

Minsk

Minsk

Minsk

Bin dann mit der Rumpelbahn, im Angesicht desillusioniert dreinschauender Mitfahrer, wieder nach Minsk gerattert und dort gleich in den nahen, modernen Konsumtempel mit seinen hübschen Boutiquen & Ladengeschäften. Schon hart, diesen direkten Vergleich von Armut und Luxus zu erleben. Auch sieht man dann die Protz- und Prunkbauten in einem nochmals anderen Licht. Ebenso wie die vielen Banktürme, Prestigebauten wie die futuristische neue Nationalbibliothek, die Minsk Arena oder das sich gerade im Bau befindliche „Colosseum“, eine riesige Sportarena mitten in der Stadt. Das war‘s dann aber eigentlich auch schon, denn am nächsten Tag bin hab ich mich ganz gemütlichen auf zum Flughafen gemacht, diesmal mit der Metro und dem Bus. Alles wieder ganz easy, genauso wie die Gepäckkontrolle, die doch etwas lockerer gehandhabt wurde als hier zu Lande. Stempel in den Pass und fertig.

Danach

Um all meine Eindrücke zu Verarbeiten hab ich dann aber doch ein paar Tage gebraucht. Hat sich auf den ersten Blick doch vieles anders dargestellt, als ich befürchtet oder vermutet hätte. Dies betrifft nicht nur die ständige nicht Sichtbarkeit der Sicherheitskräfte oder die laxen Kontrollen. Minsk gibt sich als moderne, auch westlich orientierte Großstadt, die optisch gut in Schuss und auch sehr sauber ist. Schaut man hinter die Fassaden ist aber vieles verlottert und vermodert. Die menschenleeren Plätze, Parks und öffentlichen Gebäude, die alle auf unverschämte Weise dem Gigantismus frönen wirken dagegen irgendwie befremdlich. Gerade weil eben kaum jemand unterwegs ist. Vor allem die Lebensfreude vermisst man hier. Auf eine Partyhochburg sollt man sich jedenfalls nicht einstellen. Es gibt zwar ein paar Cafes und Bars, die aber auch kaum frequentiert waren. Wohl weil auch hier die Preise sich westlichem Standard anpassen. Das kann sich alles eben kaum einer Leisten. Überhaupt haben die Menschen hier fast alle einen bedrückten, hoffnungsarmen Gesichtsausdruck an den Tag gelegt. Waren aber alle, zumindest diejenigen, mit denen ich Kontakt hatte, immer freundlich und sehr hilfsbereit. Trotz der Sprachbarriere.

Die politische Lage und die Auswirkungen auf die dortige Gesellschaft kann ich in diesen paar Tagen natürlich nicht erkunden oder beurteilen. Dies war auch gar nicht mein Ziel. Dennoch sind viele Missstände offensichtlich und -kundig. Das alles in so kurzer Zeit aber richtig einzuschätzen gestaltet sich da schon etwas schwieriger. Ich wollte mir jedenfalls vorrangig ein paar Tage einfach das tägliche Leben beobachten. Deshalb habe ich Minsk auch ganz wertfrei beschrieben, so wie ich es dort erlebt habe. Etwas ernüchtert bin ich allerdings schon und auch mal wieder zum Nachdenken angeregt worden. Auf jeden Fall war es für mich eine spannende Reise, auch in der Zeit. Mirko

Und so preist sich die Tourismusbehörde an:
www.belarus.by/en/