Nahost

Ein paar Tage in Israel (Juni, 2017) – pt.2

Tag 3 – Nazareth – See Genezareth

Heute hieß es wieder: früh aufstehen. Um 6:00 Uhr bin ich aus den Federn gekrochen, um mich langsam auf den Weg zum Abfahrtspunkt der Bustour nach Nazareth zu begeben. Eine halbe Stunde später fand ich mich an der Strandpromenade wieder, die direkt zum Treffpunkt führt und ca. 3 km Wegstrecke aufweist. Bereits um halb sieben waren hier hunderte Jogger und Radfahrer unterwegs, was angesichts der kurz nach Sonnenaufgang schlagartig in die Höhe schnellenden Temperaturen auch nicht verwunderlich ist. Den Start eines Triathlons konnte ich auch noch bewundern, bevor ich noch kurz am am/pm mein Frühstück geholt habe und um 7:45 Uhr den Bus in Richtung Nazareth bestieg. Unsere Reisegruppe war ein wenig kleiner als beim Trip nach Jerusalem, die Fahrt zu unserem ersten Zielpunkt dafür ein wenig länger. Zuerst ging es 50km der Küste entlang, bevor wir ins Landesinnere fuhren. Vorbei an einigen Industrieanlagen sah man nahe kleinerer Ortschaften immer wieder Baustellen, wo relativ große, hohe Wohngebäude errichtet wurden. Hier kam in mir die Frage auf, warum diese errichtet werden. Immerhin gibt es bereits viel leerstehenden Wohnraum und auch in den Palästinensergebieten werden konsequent neue, schwer bewachte Siedlungen errichtet, was angesichts der geringen Bedürftigkeit an Wohnraum eigentlich gar nicht notwendig wäre. Für mich stellt sich das – mal ganz simpel gesprochen – einerseits als wirtschaftliche Selbstüberschätzung und Fehlkalkulation, andererseits als reine Provokation und Verdeutlichung des Besitzanspruchs dar. Das Unverständnis bleibt allerdings. Die weitere Fahrt führt durch eher karge, ausgedörrte Landschaften, die jedoch immer mal wieder durch Oliven-Plantagen kultiviert sind.

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Nazareth besteht aus Alt-Nazareth sowie Nazareth-Illit. Zusammen haben die beiden Bezirke ca. 114.000 Einwohner. Illit, der neuere Teil wird hauptsächlich von Juden bewohnt. Die Altstadt, die wir besuchten, von Christen und Moslems. Nazareth ist die Stadt mit der größten Gemeinschaft arabischer Israelis, was auch an dem großen arabischen Markt deutlich wird. Da Nazareth eine große Bedeutung bei Christen hat, kam es hier vor einiger Zeit zu großen Spannungen, da die muslimische Gemeinschaft den Bau einer großen Moschee plante, die in der Nähe der Verkündigungskirche liegen sollte. Hier stieg der Legende nach der Erzengel Gabriel vom Himmel herab und verkündete Maria die ungewollte Schwangerschaft durch eine angeblich unbefleckte Empfängnis. Wie in allen christlichen Kirchen ist hier moderate Kleidung vorgeschrieben, was – trotz mehrfacher Hinweise und Kundmachungen – wohl nicht jeder in unserer Gruppe verinnerlicht hatte. So musste sich eine brasilianische Teilnehmerin schnell noch bei einem arabischen Händler ein Kleid und ein Tuch zu überhöhtem Preis kaufen um Ihr Top und die Hotpants darunter verschwinden zu lassen. Sehr clever, direkt vor der Kirche Klamottenstände zu postieren. Die Kirche an sich ist ziemlich schmuck, was auch daran liegt, dass dies ein relativ neuer Bau ist, der auf den Ruinen der davor hier gelegenen Kirchen errichtet wurde. Im Erdgeschoss befindet sich die Grotte in der die Verkündigung stattgefunden haben soll. Im Obergeschoss befindet sich dann das große Kirchenschiff, welches mit schönen Mosaiken ausgeschmückt ist und eine spektakuläre Kuppel besitzt. Die Kirche ist sowohl von innen als auch von außen ziemlich beeindruckend und war glücklicher Weise nicht ganz so überlaufen wie die Grabeskirche in Jerusalem. Direkt daneben befindet sich die Josefskirche, die ziemlich spartanisch daher kommt und auf den Ruinen Josefs Haus errichtet worden sein soll.

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Nachdem wir die beiden Kirchen besichtigt hatten ging es zurück ins Zentrum der Altstadt, vorbei einem aufdringlichen Händler, der am Ausgang des Komplexes jedem Heraustretenden einen Rosenkranz für 5 Schekel andrehen wollte. Erstaunlicher Weise haben viele aus unserer Gruppe hier auch zugegriffen! Und das wo es doch nun in den staatlich autorisierten Souveniershop ging. Dieser war für mich aber weniger von Interesse – bis auf die dort befindliche Toilette natürlich, die auch von den anderen rege genutzt wurde. Viel mehr haben wir von Nazareth leider nicht gesehen, denn der Zeitplan war eng gesteckt und so ging es mit dem Bus an den ca. 30 km entfernten See Genezareth (Sea of Galilee). Der See liegt im Grenzgebiet zu Syrien und Jordanien und befindet sich auf einer Höhe von 212 Meter unter dem Meeresspiegel. Beschissen heiß war es hier (ca. 45°C) und so schlichen wir auf dem Weg zur Brotvermehrungskirche nahe dem Örtchen Tobgha von Schatten zu Schatten. Auch diese Kirche ist relativ neu, da vor wenigen Jahren ein radikaler Jude einen Brandanschlag auf selbige verübte und ein Großteil neu errichtet werden musste. Die Kirche, wo Jesus Brot & Fisch für die Bevölkerung herbei zauberte, ist recht schlicht und jetzt nichts wirklich besonderes. Also ging es schnell weiter zur Jesus-Stadt Capernaum. Hier lebte Jesus im Haus von Petrus, wovon die Grundmauern noch erhalten sind. Ebenso wie von der alten und der neuen Synagoge. Obwohl die Besichtigungsstätte direkt am See liegt, wo ein leichter Wind blies, war es auch hier fast unerträglich heiß. Nichtsdestotrotz ein interessanter und ansehnlicher Ort.

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Nun ging es aber zur Verköstigung in eine Spelunke am See, wo sich (wie auch in Jerusalem) ausschließlich die Teilnehmer von Bustouren verköstigen. Das Etablissement war ziemlich voll davon und die Servicekräfte waren sichtlich überfordert. So blieb nach dem etwas trockenen St.-Peter-Fisch kaum noch Zeit, sich ans Ufer des Sees zu begeben, von wo aus man einen herrlichen Blick über das Gewässer hat. Der weitere Weg führte uns einmal um den See herum bis zum südlichen Ende, wo der Jordan den See in Richtung Totes Meer verlässt. Im Nordosten des Sees befinden sich die Ausläufer der Golanhöhen, die von Israel im 6-Tage-Krieg im Jahre 1967 besetzt wurden und offiziell immer noch syrisches Staatsgebiet sind, da die UN die Vereinnahmung durch Israel nie anerkannt hat. Hier versuchte unser Guide, uns irgendeinen Scheiß zu erzählen, der das israelische Verständnis von Landesverteidigung ganz gut wieder spiegelt. Denn Itamar, so der Name unseres Gruppenführers, behauptete, die Besetzung diene lediglich der Grenzsicherung und nicht der Landgewinnung, was ich an Hand des Siedlungsbaus auf den Golanhöhen nicht so recht akzeptieren konnte. Zudem brachte er dann auch noch die Gefahren durch Angriffe des sogenannten IS ins Spiel, was ich angesichts der Besetzung seit 50 Jahren doch für etwas unangebracht hielt. Zudem zeigte sich Itamar recht stolz, dass die israelische Armee in diesem „Verteidigungskrieg“ Armeen aus 4 verschiedenen Ländern (Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten) geschlagen habe. Für mich eine komische Ansicht der Dinge und Verdrehung der Tatsachen, die den Isrealis aber wohl bereits in der Schule mitgegeben wird.

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Wenig später erreichten wir dann Yardenit, die heilige Taufstätte am Jordan. Ein recht idyllischer Ort, an dem sich dutzende Christen (nochmals) Taufen ließen und in weißen Gewändern in den Fluss tauchten. Die Taufstätte wurde in Gedenken an die Taufe Jesu errichtet, der allerdings nicht hier sondern weiter Flussabwärts, in der Nähe von Jericho von Johannes dem Täufer getauft worden sein soll. Macht aber nichts, denn hier ist es einfach schöner und für die Touristen und Gläubigen vom optischen her ansprechender. Nun ging es aber wieder mit dem Bus zurück nach Tel Aviv und nach kurzer Zeit, nachdem wir noch den gigantischen Blick von den Hügeln aus über den See, die Golanhöhen und das Jordan-Tal genossen hatten, schlummerte ich vor mich hin. Die Hitze hat mich doch ganz schön fertig gemacht.

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Pünktlich zum wundervollen Sonnenuntergang war ich wieder in meiner Unterkunft und nach einer kurzen Erfrischung ging es erneut in die Innenstadt um nochmals etwas essbares zu mir zu nehmen. In dem wirklich tollen, und gar nicht so teuren Café musste ich mich dann aber doch nochmals aufregen, denn meine Tischnachbarn, ein paar indische Geschäftsleute, haben sich benommen wie die letzten Arschlöcher. Die Bedienung hat mir echt leid getan bei soviel Arroganz und Unverschämtheit, die Ihr entgegen gebracht wurde. Manche denken wohl wirklich, wenn sie mit ein paar Scheinen wedeln, dass sie sich alles erlauben können.

Tag 4 – Haifa

Heute hab ich wieder etwas länger geschlafen und bin um 9:15 Uhr, nach einem schmalen Frühstück auf der Dachterrasse, zum Bahnhof aufgebrochen, was 45 Minuten Fußmarsch bedeutete. Auch heute war es es recht heiß und als ich mich am Bahnhof durch den Körperscanner quälte, war ich schon leicht angeschwitzt. Mit mir warteten ebenfalls gut zwei dutzend Soldaten und Soldatinnen auf den Zug nach Haifa. In Israel besteht ja eine 3-jährige Wehrpflicht für alle, die in der Regel direkt nach der Schulzeit absolviert wird und so kamen mir einige der Rekruten und -innen noch fast wie Kinder vor, die zum Teil kaum ihr Gepäck in den recht modernen Zug wuchten konnten. Einer der Soldaten, der mit gegenüber saß und gerade den ersten Flaum im Gesicht bekam, hat dann auch am ganzen Körper gezittert, nachdem er seine zwei anscheinend mit Backsteinen beladenen Gepäckstücke unter den Sitzen verstaut hatte.

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Die etwas mehr als einstündige Fahrt nach Haifa, das im Norden des Landes, nahe der Grenze zum Libanon liegt, ging schnell vorbei und so stieg ich bei prallem Sonnenschein um kurz nach 11 Uhr aus dem Zug. Haifa ist, nach Jerusalem und Tel Aviv, die drittgrößte Stadt Israels und unterscheidet sich von den beiden recht stark. Die Stadt ist arabisch geprägt und gilt als Arbeiterstadt. Allerdings liegt hier auch der größte Hafen Israels über den die meisten Einwanderer hier gelandet sind. Im Zentrum liegt die deutsche Kolonie, die im Jahre 1869 von deutschen Templern aus Württemberg gegründet wurde. Hier führt eine Prachtstraße vom Hafen bis zum Fuße der ziemlich steilen Hügel, die direkt hinter der Innenstadt in die Höhe ragen. Gesäumt ist dieser Boulevard von pittoresken Häusern, die von den Templern errichtet wurden, heute aber großteils Cafés, Restaurants und Pensionen beherbergen. Am Ende der Straße, den Hügel hinauf befinden sich die hängenden Gärten des Bahai und auf halber Höhe auch dessen Schrein, der eigentlich kaum zu übersehen ist. Das Bahaitum ist eine noch relativ junge und kleine Universal- und Weltreligion mit ca. 8 Millionen Anhängern weltweit. Der Schrein stellt das größte Heiligtum der Anhänger dar, die fast überall der Verfolgung ausgesetzt sind. Der Garten ist wirklich wunderschön, kann aber leider nur teilweise begangen werden.

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Da mir der Aufstieg aber zu steil war, begab ich mich durch ein paar enge Gässchen in Richtung Hafen. Von dort aus sollte eigentlich eine Metro den steilen weg nach oben angenehm gestalten. Nach langem Suchen hab ich die Station endlich gefunden. Diese war aber komplett verrammelt. Wie ich erfuhr gab es im Frühjahr dort einen Brand und seitdem ist die Station geschlossen. Na toll. Also hab ich mir erst mal einen leckeren Shawarma geholt und überlegt, wie ich die Steigung am Besten überwinden soll. Laufen war angesichts der Temperaturen keine Option für mich. Kurzentschlossen entschied ich mich für den öffentlichen Bus, was sich aber als nicht ganz einfaches unterfangen herausstellte. Denn die Linienfahrpläne sind nur auf hebräisch und arabisch ausgehängt und die englische Sprache scheint auch nicht weit verbreitet zu sein. Dank der freundlichen Hilfe einiger Araber bestieg ich dann aber doch den richtigen Bus, der ächzend, stöhnend und mit letzter Kraft den Aufstieg bewältigte.

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Oben angelangt begab ich mich an den dortigen Eingang zu den Bahai-Gärten, von wo aus man einen traumhaften Blick über die Stadt und den Hafen hat. Eine wirklich gigantische Aussicht erwartet einen hier oben. Ebenso wie die obligatorische Sicherheitskontrolle inklusive Taschen und Körperkontrolle. Nachdem ich mich etwas an der Aussicht ergötzt hatte, trat ich wieder den Weg nach unten an. Auf halber Höhe konnte man dann nochmals ein kleines Stück des Gartens nahe des Schreins, der nur vormittags besichtigt werden kann, begehen. Da Haifa ansonsten nicht wirklich viel zu bieten hat, begab ich mich auf der Halbhöhe in Richtung Süden, von wo aus eine Seilbahn den Weg zum Strand abkürzen sollte. Leider waren es mehrere Kilometer dort hin und in der prallen Hitze war es ziemlich schweißtreibend, den Weg dorthin zu bewältigen. Der Ausblick entschädigte aber für den strapaziösen Fußmarsch. Total erschöpft bin ich dann an der Seilbahn angekommen, die den futuristischen Charme der 1970er-Jahre versprüht.

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Völlig fertig hab ich mich dann in das Teil gehockt und mich zum fast menschenleeren Strand abseilen lassen. Die Talstation befindet sich glücklicher Weise nicht weit vom Bahnhof entfernt und nachdem ich mich in einem kleinen Shop noch mit bitter nötigen Erfrischungsgetränken versorgt hatte, habe ich den Zug zurück nach Tel Aviv bestiegen, wo ich kurz nach 18:00 Uhr ankam. Pünktlich zum erneut wunderbaren Sonnenuntergang war ich dann auch wieder auf der Dachterrasse des Hostels angekommen. Nachdem ich mich etwas frisch gemacht und erneut in dem Café vom vorigen Tag zum Essen war, habe ich den tollen Tag dann noch mit ein paar Bieren ausklingen lassen und mich auf die morgige Abreise vorbereitet.

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Heimweg

Heute hieß es schon wieder: früh aus den Federn und erneut 45 Minuten zum Bahnhof laufen. Da um kurz nach 10 Uhr mein Flug ging wollte ich schon um 7 Uhr am Flughafen sein. Normalerweise bin ich ja nicht so frühzeitig vor Ort, aber angeblich dauert es in Israel doch etwas länger, um die Kontrollen hinter sich zu bringen. Und dies war auch der Fall. Denn ich habe es gerade so zum Boarding geschafft. Und das ohne zu trödeln. Warum gerade bei der Ausreise und nicht bei der Einreise so streng und genau kontrolliert wurde hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Wäre doch eher die Einreise eines potentiellen Schurken staatsgefährdender als die Ausreise. Oder hat man es vielleicht eher auf Spione abgesehen? Keine Ahnung. Jedenfalls begann die Kontrolle schon kurz nach Betreten des Flughafens. Bevor man zum Check In vorgelassen wird, muss man die erste Passkontrolle über sich ergehen lassen, wo einem in einem „unverfänglichen Gespräch“ ein paar Informationen über den Aufenthalt entlockt werden, die Einreisekarte kontrolliert und der Pass mit einem farbigen Nummerncode versehen wird. Was es mit den verschiedenen Farben der Aufkleber auf sich hatte erfuhr ich dann später. Jedenfalls hat es schon mal 30 Minuten gedauert, bis ich zum Schalter vor gelassen wurde. Und das, wo doch nur vier andere Ausreisewillige vor mir in der Schlange standen. Am Schalter ging‘s allerdings recht schnell, so dass ich nochmal kurz raus konnte, um eine zu rauchen.

Danach ging es zur Sicherheitskontrolle, wo die farbigen Nummernaufkleber wieder in‘s Spiel kommen. Denn ich hatte einen gelben und keinen Grünen. Die mit dem grünen durften weiter zur normalen Sicherheitskontrolle. Ich dagegen wurde in die Schlange zur expliziten Durchsuchung gebeten. Mit mir dort in der Reihe standen ausschließlich deutsche, russische und palästinensische Staatsangehörige, die zur Sonderbehandlung gebeten wurden. Auf welchem Konzept diese Auswahl beruht und ob es weitere Risikogruppen gibt, war mir nicht möglich, in Erfahrung zu bringen. Da die Kontrolle recht intensiv war, dauerte es auch hier entsprechend lange. Da wurden die Sachen mehrfach gescannt, Sprengstofftests gemacht, gefragt, was im Rucksack war und was man am Körper trug. Jede Antwort die ein wenig Unsicherheit vermittelte wurde dabei mit strengem, skeptischem Blick bedacht. Der Radiergummi aus dem Schreibmäppchen der Russin vor mir wurde dann noch für etwa fünf Minuten von drei Sicherheitsbeamten unter die Lupe genommen und auch mein Rucksack bis auf die letzte, dreckige Unterhose entleert. Was für ein Aufwand!

Hab‘s dann aber doch noch geschafft, die Sicherheitsleute von meiner Unbescholtenheit zu überzeugen und konnte ohne Wartezeit am Gate den Flieger über Istanbul nach Stuttgart besteigen, wobei mir die Temperatur von 31°C bei meiner Ankunft in heimischen Gefilden angenehm frisch vorkamen. So viele neue Eindrücke habe ich in viereinhalb Tagen lange nicht mehr gehabt und hatte auch im Anschluss noch einige Zeit damit zu tun, das Erlebte zu verarbeiten und mir Gedanken zu machen. Ein Trip, der sich für mich mehr als gelohnt hat!

Ein paar Tage in Israel (Juni, 2017) – pt.1

Unerwarteterweise habe ich den Brückentag nach Fronleichnam frei bekommen und sofort war natürlich der Gedanke da, die Tage zu nutzen, wieder mal ein bisschen was von der Welt zu sehen. Also habe ich mich gleich auf die Suche nach einem interessanten Ziel gemacht. Und da gibt es ja viele. Allerdings wenige, die für 4 Tage geeignet sind. Ebenso unerwartet und ziemlich spontan ist meine Wahl dann auf Israel gefallen. Ein Ziel, dass ich eigentlich überhaupt nicht präferiert habe, aber dorthin gab‘s halt einen wirklich günstigen Flug. Und als Schwabe schlag ich da natürlich zu! Und weil der Rückflug einen Tag später das Gesamtbudget um über 100 € entlastet hat, habe ich mir gleich noch den oft gescholtenen Montag frei genommen um noch mehr zu sparen. Also schnell den Flug gebucht und mir zudem das Sonderangebot im Zeltquartier auf der Dachterrasse eines Hostels, direkt am Strand von Tel Aviv, für ein paar wenige Taler pro Nacht zu Nutze gemacht .

Die Reaktionen auf meine Pläne waren ziemlich unterschiedlich. Diese reichten von „oh wie geil“ über „was willste denn da“ bis hin zu „hoffentlich müssen wir uns nicht bald einen neuen Drummer suchen“ und „bist Du verrückt?, die Israelis würde ich mit nicht einem Cent unterstützen“. Etwas nachdenklich gemacht hat mich lediglich die Aussage meiner Mutter, die sagte: „Das erste Mal dass ich mir wirklich etwas Sorgen mache“. Und dass wo mein Bruder schon Länder wie Pakistan, den Sudan, Somali-Land und diverse andere Krisengebiete bereist hat. Aber: Who cares? Passieren kann schließlich überall was. Und außerdem ist es mir wichtiger Land und Leute kennen zu lernen, als mir Gedanken darüber zu machen, damit vielleicht einem Staat Geld in den Rachen zu werfen, dem ich – sagen wir mal – kritisch gegenüberstehe. Einzige Ausnahme stellt hier allerdings die USA dar. Denn dort will ich weder Land noch Leute irgendwie gar nicht kennen lernen.

Tag 1 – Jerusalem:

Bin mit meinem schmalen Gepäck direkt von der Arbeit aus zum Flughafen und hab den Flieger über Thessaloniki nach Tel Aviv bestiegen. Den Flughafen Ben Gurion, der zwischen Jerusalem und Tel Aviv liegt, habe ich um kurz nach 3 Uhr morgens erreicht. Nach problemlosem, schnellem Passieren der Einreise-Kontrolle und nachdem ich mich etwas orientiert und Geld abgehoben hab, bin ich mit dem Zug nach Tel Aviv gefahren. Vom Bahnhof aus ging es dann zu Fuß knapp 3 km durch die noch menschenleere Stadt bis zur Strandpromenade. Um 7:30 Uhr sollte von hier meine Tour nach Jerusalem starten. Nachdem ich den tollen Blick vom Independence Garden über die Küste etwas genossen habe, bin ich in den am/pm-Markt und hab mir erst mal Frühstück geholt. Also zwei Teilchen (oder „süße Stückle“ wie man im Süden sagt) & ein lokales Bier. Der Bus hatte etwas Verspätung und so ging es gegen 8 Uhr los in Richtung Jerusalem. Da ich in der Nacht eigentlich nicht geschlafen hatte, hab ich die gut einstündige Fahrt leider verpennt. Unsere Reisegruppe war mit 32 Personen aus aller Welt relativ groß, wobei ich nicht der einzige alleine Reisende war, so dass es doch recht einfach war, ein paar Kontakte zu knüpfen.

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Bereits kurz nach 9:00 Uhr war es ziemlich heiß bei unserem ersten Stopp am Scope Hill, der direkt neben dem Ölberg liegt und von wo aus man einen herrlichen Blick über die Altstadt hat. Unser Guide Norbert war ein lustig aufgelegtes Kerlchen, der viel über die Historie von Jerusalem zu erzählen wusste. Nicht nur was die religiösen Stätten angeht, sondern auch was die gesellschaftlichen und politischen Aspekte betrifft. Bei Letzteren hielt er sich aber sehr neutral und objektiv, was ich ausgesprochen gut fand. Schließlich ist die Nahostpolitik des Landes ja nicht unumstritten. So konnte sich jeder sein eigenes Bild über die Regierung machen. Viel interessanter war für mich das gesellschaftliche Zusammenleben in der nur 1 km² großen Altstadt von Jerusalem, welches er uns versuchte näher zu bringen. Hier leben auf engstem Raum Christen, Juden, Moslems und Armenier in ihren eigenen Stadtvierteln nebeneinander. Offenbar ist es dabei nicht ratsam, eines der anderen Stadtviertel zu durchqueren, da die Abneigung, oder besser das Misstrauen, gegen einander doch spürbar wird. In Nachbarschaft toleriert man sich, aber und lebt dann doch irgendwie neben einander her. Schließlich sind hier die größten Heiligtümer der Christen, Juden und Moslems auf einem Fleck vereint, weswegen man hier auch auf viele Fanatiker aller drei Religionen antrifft.

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Wir fuhren also vorbei am Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee, dem Garten Gethsemane und der Kirche der Nationen zum Dung-Tor, eines der 8 Altstadt-Tore, von welchem man direkt sowohl zur Al-Aqsa-Moschee als auch zur Western Wall, wie die Klagemauer auch genannt wird, und dem Tempelberg gelangt. Hier gab es strenge Sicherheitskontrollen mit Röntgengeräten für Taschen und Rucksäcke sowie Körperscanner, die man passieren musste. An der Mauer sind neben den Touristenmassen auch hunderte von orthodoxen Juden anzutreffen, die dort Ihr Gebete abhielten und Ihre Wünsche auf kleinen Zettel in die Mauerritzen steckten. Für mich, als Mischling aus Atheist und Agnostiker, ein bizarres Bild, das ich mit ungläubigen Augen betrachtet habe. Mir war ja schon bekannt wie das da abläuft, dennoch ist es etwas anderes, die Rituale mit eigenen Augen live vor Ort zu sehen, anstatt nur darüber zu lesen oder Fotos davon zu sehen. Aber jedem das Seine und solange man mich mit dem Gedöns in Ruhe lässt, und das wird man dort auch, nicht weiter schlimm.

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Danach ging es durch enge Gassen, vorbei an vielen kleinen und mit allem Möglichen vollgestopften Läden durch das muslimische Viertel bis kurz vor das östliche Damaskus-Tor. Einen Tag später sollte hier ein Anschlag von drei Palästinensern stattfinden, bei dem neben den Attentätern auch eine junge israelische Soldatin getötet und einige weitere Menschen verletzt wurden. Als ich dies einen Tag später las, wurde ich doch ein wenig nachdenklich. Allerdings hatte ich auch das Gefühl, als ob es sich bei solchen Anschlägen meist um ein paar wenige, auswärtige Spinner handelt. Denn das Nebeneinander und das gegenseitige Leben und leben lassen wird, so wie ich es erlebt habe, von dem meisten Menschen die hier leben, trotz aller religiösen Unterschiede, bevorzugt. Meiner Ansicht nach spielt hier der politische Disput der Mächtigen eine größere Rolle, wobei die Religion gerne zur Aufwiegelung genutzt wird. Damit bekommt man die Ungebildeten am einfachsten aber auch rationalere Menschen emotional zu fassen, wodurch sich erstere leicht für solche Gewalttaten einspannen lassen. Vielleicht ist dies aber auch nur ein naiver Glaube meinerseits, der durch die wenigen Eindrücke, die ich dort sammeln konnte, geprägt ist.

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Über die Via Dolorosa, auf der Brian damals schon sein Kreuz zu tragen hatte, ging es weiter ins christliche Viertel. Neben der Erlöserkirche befindet sich hier die von unzähligen Touristen belagerte Grabeskirche, die zum Teil auf dem, da alles zugebaut ist, heute nicht mehr zu sehenden Hügel Golgota liegt. Hier wurde der Legende nach Jesus aufgebahrt und soll auch hier wieder auferstanden sein. Die Kirche ist wirklich sehenswert und mit Symbolen verschiedener christlicher Glaubensrichtungen ausgestattet. Wer das Grab betreten wollte, konnte sich auf Grund der Menschenmassen jedoch gerne mal zwei bis drei Stunden anstellen. Nix für mich. Sollen die Gläubigen machen. Nichts desto trotz ein wirklich faszinierender Ort, der eine große Ausstrahlung besitzt. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, wie viel Energie, Aufwand und Vermögen in so etwas mystisches gesteckt wird, während man im realen Leben am Hungertuch nagt oder auf andere Art ums Überleben kämpfen muss.

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Danach wurden wir in einer, offensichtlich nur von Teilnehmern von gebuchten Tages-Touren lebenden Futterstätte mit Falafel uns Shawarma verköstigt. War zwar OK, aber nix wirklich besonderes. Im Anschluss an diese Stärkung gab es ein klein wenig Aufruhr, da sich ein Teilnehmer unserer Gruppe von einem Händler bedrängt fühlte und dabei dessen Ware zu Bruch ging. Nach lautem Gezeter konnte das Problem von Norbert hinter verschlossener Tür aber schnell gelöst werden. Wäre aber reine Spekulation zu sagen, wie er das geschafft hat. Nun ging es durch das armenische Viertel, vorbei am Davidsturm und durch das im Westen der Altstadt gelegene Jaffa-Tor zurück zum Bus, der uns zur nicht weit entfernten Holocaust-Gedenkstätte YAD VASHEM brachte. Wie wenig das Wort „amazing“, das Deppen-Donnie kürzlich erst in das Kondolenzbuch schrieb, auf diesen Ort zutrifft, spürt man sofort. Denn das ganze Areal strahlt eine eher bedrückende Aura aus. Die Gedenkstätte besteht aus einem weitläufigen Freigelände, auf dem sich mehrere Mahnmale befinden. Am beeindruckendsten und auch etwas verstörend empfand ich das Gebäude zum Gedenken an die 1,5 Millionen durch die Nazis ermordeten Kinder.

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Durch einen engen Gang läuft man hier in eine völlig abgedunkelte Halle, die mit unzähligen Glasscheiben und von der Decke hängenden Lichtern ausgestattet ist. Die Lichter spiegeln sich in den Scheiben, so dass man rundherum von diesen umgeben ist und sich fühlt, als laufe man durch ein großes Nichts, das rundherum von diesen Lichtern umgeben ist. Dabei werden die Namen, die Herkunft und das Alter der ermordeten Kinder über Tonband abgespielt. Wirklich unheimlich und sehr bewegend. Ein Ort an dem man es, wen man nur ein klein wenig Empathie besitzt, kaum aushält und der seht berührt. Etwas weniger spektakulär, wenn das überhaupt das richtige Wort ist, fand ich das eigentliche Museum. Zwar wird hier ein allumfassender Blick auf die Gräuel der Naziherrschaft und den Holocaust geworfen, für mich persönlich gab es aber nicht viel Neues zu erfahren. Dennoch ist die multimedial aufbereitete Ausstellung mehr als sehenswert und ebenso bedrückend. Vor allem die sich am Ende des Museums befindliche „Hall of Names“ hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Da läuft es einem schon kalt den Rücken runter.

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Ziemlich überwältigt von diesen Eindrücken, und auch sehr nachdenklich, setzten wir uns danach in den Bus, um den Rückweg nach Tel Aviv anzutreten. Dort angekommen, ging es für mich zu aller erst in das gebuchtes Hostel, das direkt an der Strandpromenade liegt. Nach einem kurzen Ausflug zu einem Straßenimbiss habe ich den wirklich ereignisreichen Tag auf der Dachterrasse bei einem warmen Bier und mit einem anregenden Gespräch mit einem anderen Gast ausklingen lassen.

Tag 2 – Tel Aviv:

Nach den Anstrengungen der letzten Tage und den überwältigenden Eindrücken in Jerusalem, wollte ich es heute etwas ruhiger angehen lassen und habe mich nach einem spartanischen Frühstück auf der Dachterrasse des Hostels aufgemacht, Tel Aviv zu erkunden. Die Stadt am Meer gilt als lebenslustige Metropole und dies kann ich nur bestätigen.

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Religiöses tritt hier – zumindest oberflächlich betrachtet – absolut in den Hintergrund, was die Stadt fundamental von Jerusalem unterscheidet. Die Bevölkerung ist sehr aufgeschlossen, viele Badegäste und auch Einheimische (egal welcher Glaubensrichtung anhängig) frönen hier einem angenehmen Laissez-faire-Lifestyle, der vergessen lässt, dass wenige Kilometer entfernt das Leben von Krieg und Terror beherrscht wird. Irgendwie schon etwas bizarr. Zudem gibt es hier offensichtlich eine große Gay-Community und eine beachtliche Toleranz dieser gegenüber. Hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Hier sieht man an fast jedem zweiten Café oder Club die Regenbogenfahne wehen und auch im Stadtbild sind homosexuelle Paare, die Händchen haltend durch die Straßen laufen oder die Strandpromenade entlang schlendern, keine Seltenheit; und auch die (natürlich auch hier vertretenen) Orthodoxen haben sich daran anscheinend – zumindest im öffentlichen Raum – nicht daran gestört. Hat mich wirklich sehr positiv überrascht!

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Nach dem Frühstück begab ich mich also auf Stadtbesichtigung. Mein Weg führte mich zuerst zum Dizengoff-Center, einem riesigen Einkaufszentrum, welches an den Eingängen, wie so vieles, bewacht ist. Wollte aber nicht rein und bin weiter durch den Meir-Park, wo es auch einen großen Hundepark gibt. Weiter führte mich der Weg vorbei am Bialik-House, einem im Bauhausstil errichteten Museums über den gleichnamigen Dichter. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Carmel-Market, der in der langen und schmalen HaCarmel Street liegt. Ziemlich voll und lebhaft war es hier und deshalb natürlich auch sehr eng. Dafür aber wirklich toll. Von überall her steigen einem die verschiedensten Düfte der Gewürz- und Lebensmittelstände in die Nase und es gibt eine reiche Auswahl der verschiedensten Alltagsgegenstände. Da vergisst man schnell die Warnungen, sich an solch belebten Orten aufzuhalten.

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Gleich nebenan war der Künstlermarkt, der nur Freitags stattfindet und auf dem hunderte Händler ihr Kunsthandwerk zur Schau stellen. War wirklich toll, hier ein wenig herum zu schlendern und die kreativen Gegenstände zu bewundern. In Richtung Norden liegt der „Prachtboulevard“ von Tel Aviv, die Rothschild-Avenue. Vorbei an der großen Synagoge, die trotz Ihrer große sehr unscheinbar wirkt, war dieser schnell erreicht. Schön gestaltet und von einigen Cafés und Glaspalästen gesäumt geht es vom Ende der Straße direkt ins alternative Künstlerviertel, das mit seinen engen Sträßchen sehr beschaulich und gemütlich wirkt. Nach einer kurzen Rast und einem kleinen Sanck im angrenzend Park bin ich dann weiter nach Old Jaffa, dass im Süden der Stadt liegt.

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Jaffa ist der geschichtsträchtigste Vorort von Tel Aviv. Hier steht die große Moschee und die berühmte Peterskirche. Vom Hügel aus hat man einen herrlichen Blick über die komplette Stadt. Absolut großartig. Mittlerweile war knalle-heiß geworden und ich war froh mich am Brunnen neben der Peterskirche etwas frisch machen zu können. Durch verwinkelte Gassen, vorbei an einigen Schmuck und Kunst-Läden ging es dann bergab zum Hafen von Jaffa, wo ich mich erneut etwas ausruhen musste. Mittlerweile war ich ja auch schon einige Kilometer gelaufen und die Sonne brannte unerbittlich. Also bin ich die Strandpromenade entlang zurück zum Hostel. Am mehrere Kilometer langen Strand tummeln sich sowohl Menschen jeglicher Couleur und das friedlich und unaufgeregt. Ganz anders eben als im hochreligiösen Jerusalem, wo das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen und Religionsgemeinschaften viel strenger abläuft. Hier scheint sich kaum jemand an der Vielfalt zu stören. Ganz im Gegenteil. Schließlich ist die Stadt recht modern und gibt sich weltoffen.

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Bevor ich mich zum Abendessen wieder in die Innenstadt begabt, stand noch ein für mich äußerst ungewöhnlicher Programmpunkt auf dem Plan. So zog ich mich schnell um, huschte über die Straße und stürzte mich in die Fluten des Mittelmeers um ein wenig herum zu plantschen. Nachdem ich mich daraufhin am Strand etwas in der Abendsonne getrocknet hatte, war es dann aber auch schon wieder gut. Irgendwie kann ich nicht nachvollziehen, wie man sich Tag für Tag und von morgens bis Abends hier herum räkeln kann, wie es viel der Touristen machen, bevor sie sich in den angesagten Clubs der Stadt volllaufen lassen. Mir wird da schon nach 20 Minuten langweilig und ich muss wieder etwas unternehmen. Also machte ich mich auf um mich in der City an lokalen Speisen zu laben. Nach einem ausgezeichneten, aber nicht ganz billigen Mahl (preiswert ist hier sowieso das wenigste) begab ich mich noch auf ein Gute Nacht Bierchen auf die Dachterrasse meiner Unterkunft, bevor ich erschöpft in meine Koje kroch. Schließlich ging es am nächsten Tag wieder früh los, denn es stand die Fahrt nach Nazareth und den See Genezareth auf dem Programm. Mehr dazu aber im zweiten Teil meines kleinen Berichtes.

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