Ostafrika für Anfänger (Jan. 2011), pt.4

Nachdem das Horn von Afrika im Osten des Kontinentes gerade mit einer Hungersnot aktuell in den Medien vertreten ist, berichte ich nun hier zum letzten Mal von dieser Region. Das fruchtbare Land Tanzania hat mit Nahrungsmangel weniger Probleme, aber mein nächstes Ziel hat schon um einiges mehr zu kämpfen und die Armut, die es zwar auch in Tanzania gibt, ist hier noch deutlicher sichtbar. Also auf zum Familienbesuch nach Bahir Dar im kargen Äthiopien. Da ich hier nur 5 Tage verbracht habe um meine Familie, die glücklicher Weise nicht so stark von der aktuellen Lage betroffen ist, zu besuchen, beginne ich mit einem kleinen Bericht und Informationen über einige Sehenswürdigkeiten des von Hunger und Bürgerkrieg, der zur Abspaltung Eritreas führte, stark mitgenommenen Landes.

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Seit wenigen Jahren haben Reiseanbieter das Land, das zum Großteil aus einem Hochplateau auf 1500m – über 3000m besteht, als Reiseziel für organisierte Rundreisen entdeckt, so dass der Tourismus langsam zu nimmt. Bei meinem ersten Besuch vor 8 Jahren habe ichdagegen in 4 Wochen lediglich 3 oder 4 Touristen ausmachen können. Kulturell hat Äthiopien jedenfalls immens viel zu bieten. Die Hauptstadt Addis Abeba, die mit 2200m als höchste Hauptstadt Afrikas und dritthöchste Hauptstadt der Welt gilt, ist die einzige Millionenstadt Äthiopiens, deren Bevölkerung durch Landfluch stetig wächst. Sehr turbulent und lebhaft ist die Stadt und auf jeden Fall ein Erlebnis. Daneben gibt es den Tana-See, an dessen Ufer Bahir Dar, die Heimat meiner Schwägerin, liegt. Es gibt verschiedene Klosterinseln auf dem See die mit kleinen Motor- oder Papyrusbooten erreicht werden können. Spätestens hier erkennt man, dass Äthiopien sehr religiös geprägt ist. Der Staat und die orthodoxe Kirche sind stark miteinander Verbunden und auch die Äthiopier an sich sind sehr religiös, was manch bizarre Auswüchse mit sich bringt. So darf das kleine Eiland Kibran Gabriel beispielsweise nur von männlichen Lebewesen betreten werden, was durch die vielfältige Fauna in der Praxis natürlich nicht durchzusetzen ist. In dem See soll der Legende nach auch die Bundeslade mit den 10 Geboten versteckt worden sein, um sie vor Besatzern und Ungläubigen zu schützen.

Mittlerweile befindet sich die angebliche Bundeslade aber wieder an ihrem angestammten Ort, nämlich in Aksum, das im Norden des Landes liegt. Sogar Indiana Jones war schon hier, nur um an der Eroberung des Reliktes kläglich zu scheitern! In Aksum sind auch viele alte Stehlen (gigantische Grabdenkmäler) zu besichtigen, die zum Teil von italienischen Besetzern ‚entführt‘, nun aber ebenfalls wieder an ihren angestammten Ort zurückgebracht wurden. Eine weitere Attraktion ist der historische Wallfahrtsort Lalibela mit seinen weltbekannten Felsenkirchen. In Äthiopien herrschen allerdings verschiedene Religionen vor, ebenso wie zig Sprachen und Volksgruppen. So gibt es hier orthodoxe, katholische und protestantische Christen, Juden, Moslems & eine Vielzahl an Naturreligionen. Man sagt aber auch, hier liege die Wiege des Christentums. Ebenso befindet sich hier auch ein wichtiger Bezugspunkt der Rastafari-Religion. Focus.de fasst die Entwicklung folgendermaßen zusammen: „Als Ras Tafari Makonnen (Anm: Ras ist kein Name sondern ein militärischer Dienstgrad und bedeutet ‚Kopf‘) 1930 unter dem Namen Haile Selassie zum Kaiser Äthiopiens gekrönt wurde, sah eine kleine, in Jamaika ansässige Sekte namens „Holy Piby“ dies als Zeichen für das Ende der weißen Herrschaft und die Wiederkunft eines schwarzen Gottes. Von nun an nannten sie sich Rastafari. Nur drei Jahre zuvor hatte der schwarze Menschenrechtsführer Marcus Garvey in einer Rede in Kingston die Krönung eines afrikanischen Königs vorausgesagt und erklärt, der Tag der Erlösung sei nah. Äthiopien, das nie kolonisiert und unter westliche Herrschaft gelangt war, schien der perfekte Ort für die Wiedergeburt des Messias in Gestalt eines Schwarzen zu sein. Bis heute gilt Garvey als Prophet der Rasta-Bewegung. Und Haile Selassie, der später selbst Jamaika besuchte, schenkte den Rastas nach dem Zweiten Weltkrieg rund 500 Hektar Land in Shashemene.” Bei einem Besuch Haile Selassies in Florida lies dieser aber dennoch verlauten er wolle nicht als Gott verehrt werden und sprach sich gegen einen Exodus der Rastafaris aus. Trotzdem leben mittlerweile viele Rastafaris in Shashamene, meist in bitterster Armut und werden von den Orthodoxen verachtet.

Einige landwirtschaftliche Besonderheiten hat das Land ebenfalls zu bieten. So stammt zum Beispiel der beliebteste Muntermacher der Welt, der Kaffee, ursprünglich von dort, von wo er sich weltweit ausbreiten konnte. Seinen Namen hat er von der äthiopischen Provinz Kaffa, wo sich zig verschiedene Sorten von wilden Kaffeepflanzen wiederfinden. Eine weitere Besonderheit ist ein Getreide Namens Teff. Diese glutenfreie Getreideart, verwand mit dem Hafer, wurde bis vor kurzer Zeit ausschließlich in Äthiopien angebaut, wird aber mittlerweile – wenn auch nur in geringen Mengen – auch in Europa kultiviert. Aus dem Getreide wird das äthiopische Fladenbrot Injera, so wie das fermentierte, alkoholische bierähnliche Getränk Tella hergestellt.

Im Süden schließt sich eine heiße und unwirtliche Tiefebene an das Hochplateau an. Im Süd-Westen sind verschiedene, von der Zivilisation fast abgeschnittene Naturvölker wie die Himba oder die für ihre Lippenteller bekannten Mursi beheimatet. Der hier gelegene Omo-Nationalpark ist vor allem für Anthropologen interessant, da hier viele Funde zur Evolution der Menschheit gemacht wurden. Im Südosten sind durch viele Konflikte mit dem Nachbarstaat Somalia und den großen Einfluss verschiedener Warlords in dieser Region die Grenzen nicht wirklich festgelegt und wegen der archaischen Lebensweise, Kultur und der Konfliktfreudigkeit der Bewohner ist es nicht sehr ratsam, dieses Gebiet zu betreten. In Anlehnung an einen bekannten Film daher auch der viel gehörte Satz: „Nach Hause kommst du nur im Sarg“ – wenn überhaupt.

Meine Erkundung dieses faszinierenden Landes und ihrer Volksgruppen hat sich daher bisher auf das Hochplateau beschränkt. Schließlich gibt es hier genügend zu erkunden und zu erforschen. Und auch für Treckingtouren in der wilden Natur ist die Hochebene, vor allem aber die bekannten Simien-Mountains mit ihrer faszinierenden, unvergleichlichen Landschaft, bestens geeignet.

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Soweit so gut. Nach meiner Ankunft am Flughafen von Addis Abeba hatte ich läppische 10 Stunden Zeit, bis mein Anschlussflug ins knapp 320 km entfernte Bahir Dar starten sollte. Sofort fiel mir wieder ein und auf, dass die Bevölkerung nicht gerade mit einem hohen Intellekt gesegnet, dafür aber unheimlich gastfreundlich und liebenswert ist. Dies soll keineswegs beleidigend sein, aber es ist schon auffällig, dass das logische Denken und das Kurzzeitgedächtnis vieler Menschen hier nicht besonders ausgeprägt ist. So wurde ich gleich zur Verkürzung der Wartezeit in das Büro eines Hotelangestellten eingeladen. Als ich mir etwas zu trinken holen wollte, wusste die Servicekraft an der Bar aber weder, was sie so im Angebot hatten, noch wie viel es kostet. Zu guter Letzt wurde mir dann auch noch zu viel an Wechselgeld gegeben. Eine Situation, die man so oder so ähnlich hier oft erlebt. (Außerdem kommt es nicht selten vor, dass die Bedienung auf dem 10 Meter langen Weg vergisst, was bestellt wurde. So kann es schon mal vorkommen – nein, eigentlich passiert so was ständig – dass man statt 3 x Mango- und einmal Papaya-Saft dann 3 x Papaya und einmal Ananas bekommt.) Im Terminal wurde ich anschließend noch von einer Horde junger, ungehobelter US-Soldaten mit ‚I like war‘- und ‚Army for life‘-Tattoos genervt, bis es endlich los gehen konnte.

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Da das Weihnachtsfest, das hier am 7.Januar gefeiert wird, vor der Tür stand, gingen wir am nächsten Morgen auf den staubigen Markt von Bahir Dar, um fast alle Zutaten für das Festmahl, das die Familie ausrichten wollte, zu erstehen. Lediglich der Ochse der im heimischen Vorgarten geschlachtet werden sollte, wurde vom Hausherrn selbst besorgt. Ja, ich weiß, ein paar Leute werden sich nun wieder aufregen weil Fleisch doch Mord ist, aber da geb ich ‘n feuchten Scheiß drauf! Hier werden die Tiere wenigstens nicht industriell gefertigt, in Serie abgeschlachtet und zermatscht in Schweinedärme gepresst. Hier muss man sich sein Schnitzel im wahrsten Sinne des Wortes noch selbst aus der Kuh schneiden und ist froh, wenn man überhaupt etwas zwischen die Zähne bekommt. Dazu aber später mehr.

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Im Gegensatz zu den Märkten in Tanzania ist die Auswahl an Waren nicht ganz so üppig, geschweige denn farbenfroh. Hier gibt es gerade das nötigste wie Getreide, Butter, die in geschmolzenem Zustand aus Fässern abgefüllt wird, ebenso wie Honig, Zwiebeln, Gewürze, Zuckerrohr, Eier und Geflügel, das entweder in enge Käfige gepfercht wurde oder, an den Füssen fixiert, zum Transport an einen Stock gebunden ist. Aber auch Kleidung und Stoffe sowie Plastik- und Metallwaren kann man von den auf dem Boden oder in Holzverschlägen sitzenden Händlern erstehen. Als Weißbrot fällt man hier natürlich sofort auf und wird selbst zur Attraktion, wird angegafft und vorsichtig angefasst und gestreichelt, um zu sehen wie sich denn helle Haut anfühlt. Eine Begegnung auf diese Art hat schon etwas für sich und lässt nachhaltigen Eindruck. Sehr lästig dagegen sind die Jugendlichen und Kinder, die einem alles aus der Hand reißen und gegen einen Obolus tragen möchten. Ein einfaches ‚Nein‘ reicht hier nicht aus; auch wenn es unsere einheimischen Begleiter sagen, so dass man ab und an schon mal etwas lauter und drohender werden muss. Aber bei den dortigen Lebensumständen, kann man das den Burschen nun mal nicht verdenken. Und mit 20kg Zwiebeln und 20kg Kartoffeln sowie allerlei anderem Kram waren wir schon etwas beladen.

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Da bis zum großen Fest noch ein Tag Zeit war, entschlossen wir uns, nach Tis Isat zu fahren, den großen Wasserfällen des Blauen Nil, die ca. 30 km süd-östlich von Bahir Dar liegen. Mit dem öffentlichen Bus braucht man trotzdem gut 1,5 Stunden auf der holperigen, staubigen Piste. Mit dem Bus ist das in Äthiopien eh so eine Sache. Die Busse fahren morgens ab ca. sechs Uhr unregelmäßig vom Busbahnhof ab. Denn der Bus fährt erst, wenn alle Sitzplätze belegt sind. Es kann also sein, dass man 2 Stunden wartet, bis alle Plätze belegt sind. Überladen wird allerdings auch nicht, so dass, wenn man auf einer begehrten längeren Strecke keinen Sitzplatz mehr ergattert, auf den nächsten Bus warten muss, der eventuell erst am nächsten Tag fährt.

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Von dem Dörfchen Tis Abay, wo der Bus hält, geht es dann in einem ca. 45 Minuten langen Marsch über einen Hügel und durch einen kleinen Bach zu den Nilfällen, die zwischen 35 und 47 Meter hoch sind. Allerdings ist der Wassergehalt der Wasserfälle in den letzten Jahren merklich zurück gegangen. Dies liegt hauptsächlich an dem in unmittelbarer Nähe befindlichen Elektrizitätswerk, welches sich die Wasserkraft des Flusses zu Nutzen macht. So nimmt nun seit gut 10 Jahren lediglich ein Bruchteil des Wassers seinen natürlichen Verlauf. Bei meinem ersten Besuch hier (2003/4) waren die Fälle ja schon spärlich, diesmal war aber noch weniger Wasser zu sehen. Die schwer abzuschüttelnden, schelmischen Möchtegern-Guides werden aber nicht müde zu sagen: „A lot of water this year“. Trotz allem ist das Naturschauspiel immer noch, ebenso wie die landschaftliche Umgebung, beeindruckend. Man kann direkt zu den Fällen hinabsteigen, sich in der Gischt erfrischen und etwas ruhen.

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Nach einem weiteren kurzen Fußmarsch Flussaufwärts kann dann der Blaue Nil mit einem kleinen Holzboot überquert werden und durch das in Gestank gehüllte Gerberviertel, vorbei an einigen wirklich erbärmlichen Stroh- und Holzhütten geht es zurück nach Tis Abay. Hier haben wir uns noch in eine der Tej-Kneipen begeben, die an einem aufgestellten Trinkglas auf einem Stock vor der Hütte erkennbar sind. Tej ist ein sehr leckerer, in kleinen Glaskaraffen dargereichter Honigwein, der mit dem hier bekannten Met geschmacklich kaum zu vergleichen ist. Aber reinknallen kann das Gesöff bei Temperaturen über 30 Grad doch ganz schön, so dass man die ungemütlich Rückfahrt im Bus auch gut überstehen kann.

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Nun stand endlich das äthiopische Weihnachtsfest vor der Tür, dass auch das Ende der Fastenzeit (hier: vegane Ernährung für mehrere Wochen) bedeutet. Im Vorhof der Schwiegereltern stand schon der Ochse, der wiederkäuend auf seine letzte Reise wartete. Für 6:30 Uhr am Morgen hatte sich der Metzger angekündigt, so dass wir recht früh auf den Beinen waren. Mit einem präzisen Kehlenschnitt wurde das Tier in wenigen Sekunden dahin gerafft und man ließ zu erst ausbluten. Während das Blut unter dem Zaun hindurch auf die Straße lief, wurde der erste von viel zu vielen Gläsern Ouzo bzw. Gin gereicht. Nun wurde der Ochse Stück für Stück zerlegt und die Fleischstücke auf einer Strohmatte ausgelegt. Die Zunge wurde allerdings – frisch aus dem Tier, roh und noch ‚mundwarm‘ zum Verzehr gereicht. Der zweite Schnappes war dann auch wirklich nötig. Die Lunge des Viehs bekam der Hund der Familie und die von Fäkalien gereinigten Därme riss sich der Metzger für seine Hunde unter den Nagel. Nun waren die Mägen dran. Nachdem diese ausgespühlt waren, gab es nun auch Pansen und Kutteln für uns Gäste – natürlich frisch und roh. Erstaunlicher Weise waren die Mägen, auch wenn ein gewisser Stall-Geschmack nicht zu leugnen ist, ganz gut genießbar. Natürlich immer begleitet von Hochprozentigem.

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Nach über 3 Stunden hatte der Metzger das Tier mit seinen Helfern zerlegt und in acht etwa gleich große Haufen aifgeteilt. Da sich hier niemand einen ganzen Ochsen leisten kann, hatten insgesamt 8 Haushalte zusammen gelegt und nun wurden die Haufen an die Mitfinanziers verlost. Dem Hausherr steht aus Tradition allerdings das Herz des Schlachtviehs zu. Das Fell wurde zu einem kleinen Paket verschnürt, welches der Metzger als Bezahlung bekam, während der Kopf mal so eben in den angrenzenden Wald geschmissen wurde. Parallel dazu wurden weiter Fleischteile, diesmal gekocht oder gegrillt mit Injera und Gemüse serviert und kräftig gepichelt. Den Abend hab ich dann leider in nicht mehr so guter Erinnerung, da ich vom vielen durcheinander Saufen noch mehrfach ‚abhusten‘ musste.

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Der nächste Tag wurde mit Souvenir-Suche, Shopping und gemütlichen Pausen mit gigantisch leckeren, farbenfrohen Fruchtsäften, klebrigen Süsswaren und einem abschließenden Besuch bei der Familie verbracht. Am nächsten Morgen war dann meine Abfahrt nach Addis geplant und so brachte mich mein Bruder um 6:30Uhr zum Bus, der mich innerhalb von 10 Stunden in die Hauptstadt bringen sollte. Die Fahrt in dem klimatisierten Bus war toll und ermüdend zu gleich und auch hier mussten wir nur einmal wegen eines geplatzten Reifens anhalten. Die ganze Fahrt über wurden wir mit überlauter traditioneller Musik und einheimischen No-Budget-Filmen auf dem Bordfernseher ‚unterhalten‘ während draußen die kargen Felder vorbei zogen. Ein ausgezeichnetes Panorama genießt man beim überqueren des Blauen Nils mit einer großartigen Aussicht. Hier wurden wir auch von ein paar Affen begleitet, die wie kleine Paviane aussehen, und am Straßenrand auf Bettelgut warten. Etwas geschockt war ich allerdings, als wir zum Mittagessen im Hinterhof eines kleinen Lokals parkten. Während ich aß, wurden die Bauchladen-Händler auf der Straße von einem grimmig drein blickenden Mann mit einer Peitsche vom Hof ferngehalten!! So was kannte ich bisher nur aus schlechten Filmen. Aber Scheiß den Typen dann mal an, da bekommste Gegenwind, der sich gewaschen hat.

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Um 17:00Uhr war ich dann in Addis Abeba, wo ich mir ein kleines Zimmer gesucht habe um die restlichen Stunden bis zum Rückflug angenehm zu verbringen. Um 1:00 Uhr nachts holte mich mein mühsam ergattertes Taxi ab (die fahren nicht gerne in der Nacht, schlagen dann aber gleich mal 100% drauf) und ohne größere Probleme konnte ich um 3:30 Uhr meinen Flug nach München über das zu diesem Zeitpunkt noch von Mubarak beherrschte Kairo antreten. Im Gegensatz zum Hinflug klappte diesmal alles wunderbar. Sehr erstaunt war ich am Schluss aber noch über die Tatsache, dass ich vom Flughafen München – ein Dank der Deutschen Bahn – länger gebraucht habe (fast 5 Stunden), als mit dem Flieger von Kairo ins Bayernland.

Abschließend kann ich sagen: Nach meinem ersten One-Man-Trip in Ost-Afrika bin ich wieder um einige Erfahrungen reicher und habe viele Dinge gesehen, die der Pauschaltourist oder Gruppenreisende garantiert nicht so mit bekommt. Daher kann ich nur jedem Empfehlen, solch einen Trip selbst mal zu unternehmen. Klar man vermisst manchmal eine vertraute Person, aber man lernt sich selbst, die Menschen mit denen man zu tun bekommt und die Umstände in denen sie leben viel besser kennen. Etwas, was ich niemals missen möchte.

Ostafrika für Anfänger (Dez. 2010), pt.3

Nördliches Tanzania

Das Gepäck war schnell aus der Maschine ausgeladen und wurde in einer Schubkarre zum ‘Terminal’ gebracht. Nachdem ich meinen Rucksack übergestreift hatte, wollte ich das Gebäude verlassen. An der Türe wartete aber schon eine große Traube Taxifahrer, die ihre Dienste feil boten. Mir war das zu viel Trubel und Geschrei. Also habe ich mich durch die Menge gewühlt, die Traube von hinten erneut angesteuert und mich bei einem der hintersten Fahrern, der sichtlich überrascht war, nach einem angemessenen Fahrpreis erkundigt. Diesen bekam ich auch angeboten, und so ging es stressfrei in meine schäbige, kleine Kaschemme, direkt am kleinen Marktplatz von Tanga.Das ‘Bad’ hatte eine Größe von 0,5m x 1m, so dass man auf der Kloschüssel hocken musste, während man duschte. Aber wenigstens gab’s überhaupt ‘ne Schüssel.

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Viel zu bietet hat Tanga nicht. Einzige Attraktionen sind der große Industriehafen und eine leider nicht mehr funktionierende Turmuhr aus der Kolonialzeit. Überhaupt findet man hier häufig noch Hinweise auf diese Zeit, in der die Deutschen hier ihr Unwesen trieben. Neben den zahllosen, oft verfallenen, typischen Kolonialbauten traf ich hier auf die Eckernfoerde Secondary School, die natürlich in der Eckernfoerde Street liegt. Allerdings sieht man kaum Menschen auf den Straßen. Auch der Markt von Tanga wurde nicht gerade von vielen Menschen frequentiert. Also entschloss ich mich, diesen unspektakulären Ort schnell wieder zu verlassen. Erfreut war ich aber von den Preisen hier auf dem tanzanischen Festland. Alles war fast halb so teuer wie auf Zanzibar. Also hab ich erst mal schön eingekauft. Indes erreichte mich die Nachricht, dass ich in 5 Tagen zu einer Eingliederungs-Maßnahme der Agentur für Arbeit zu erscheinen hätte. Toll. Hatte ich die vorher doch extra noch über meine Abwesenheit informiert!

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Am nächsten morgen musste ich früh aufstehen, da mein Bus ins Usambara-Gebirge schon um 6:30 Uhr fahren sollte. Und weil ich mich dort erst orientieren musste, wollte ich früh dort sein. Da sich nachts 2 Typen im Flur meines Etablissements lautstark verprügelt haben, konnte ich leider nicht so richtig gut pennen und bin deshalb etwas verschlafen aus der Tür gewankt, als mich gleich ein Minibus eingesammelt und über menschenleere Straßen zum Busbahnhof gebracht hat. Hier waren endlich mal Leute zu sehen. Den Bus hatte ich schnell gefunden, das Gepäck verstaut und schon ging es los. Leider mit einer halben Stunde Verspätung. Aber besser zu spät als zu früh, wie ich noch erfahren sollte. Also ging es im übervollen Bus auf zur 4-stündigen Fahrt nach Lushoto, einem Bergdorf in den Usambara Mountains. Komischer Weise musste ich mehr als alle anderen bezahlen, aber da ich als einziger die komplette Strecke gefahren bin, machte ich mir darüber zunächst wenig Gedanken, auch wenn der Preis laut Reiseführer etwas anderes sagte – aber der war ja auch schon 2 Jahre alt.

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Die Fahrt war zwar ungemütlich, aber optisch wirklich toll. Linker Hand erstreckte sich die staubige Tiefebene, auf der gelegentlich Hirten mit ihrem Vieh gesichtet wurden. Auf der rechten Seite erhob sich eindrucksvoll das Gebirge mit kilometerlangen Sisal-Plantagen im Vordergrund. Natürlich liegen auch einige Hütten und Dörfern an der Straße, so dass wir des öfteren hielten. So gleich springen dann die Verkäufer an die Busfenster und möchten alles mögliche verkaufen, was man auf der Reise so braucht. Von Obst, Nüssen, Keksen oder Wasser bis zu Mützen, Sonnenbrillen oder Taschentücher. Bei unserem letzten Halt, bevor es ins Gebirge ging, wurde ich natürlich gleich wieder von ‘nem Typen angelabert, der sich auch gleich neben mich auf den mittlerweile frei gewordenen Sitz schwang und mir auf den letzten 30 km die ein oder andere Empfehlung aussprach. Im Schlepptau hatte er den Junior-Chef des Lushoto Sun Motel, welches ich mir zufälliger Weise im Reiseführer bereits vorgemerkt hatte.

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In Lushoto angekommen, wollten mich die beiden dann erst mal über den ‘Big Market’ führen, bevor sie mir das Motel zeigen, aber ich hatte echt keine Lust, mich mit 20kg Gepäck auf dem Buckel durch die Massen zu quetschen. Ich konnte die beiden also davon Überzeugen und so ging es ins Motel, wo ich zum Einen den lästigen Typen abschütteln und zum Anderen den Junior-Chef seiner Arbeit übergeben konnte.

Lushoto ist der Ausgangspunk vieler, auch mehrtägiger Wanderungen in und durch die Usambara-Berge, an die im Norden Kenia anschließt. Es ist ein gemütlicher Bergort, mit freundlichen und geschäftigen Einwohnern und hübschen kleinen Häusern. Der Ort ist stark auf den Trekking-Tourismus eingestellt, der wohl in den letzten Jahren zurück gegangen ist und den Menschen finanziell stark zusetzt. Durch die Höhenlage und die regelmäßigen Regenfälle ist der rötliche, lehmige Boden in diesem Gebiet aber ungemein fruchtbar, so dass es wenigstens nicht an Nahrung mangelt. Die manigfaltige Fauna bietet dabei ein sattes Grün, gespickt mit den verschiedensten Früchten und eingebettet in allerlei Blütenformen und -farben. Also hab ich mich auf den Weg gemacht und als erstes den mir angepriesenen wöchentlichen Markt besucht. Gleich hinter dem Markt ging der Weg in Richtung Irente. Von dort aus sollte es einen schönen Blick über die Tiefebene geben.

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Nach einer guten Stunde Fußmarsch durch eine faszinierende Landschaft, vorbei an Lehmhütten und üppig bestellten Gemüsefeldern war ich dann in Irente. Besonders beeindruckt auf diesem Weg, wo man ständig auf Leute trifft, die einen Grüßen, anlächeln oder mit dem Mofa mitnehmen wollen, fand ich die Erkenntnis, das auch Bäume sich lieb haben können. So zumindest war das mein Eindruck beim Anblick der eng verschlungenen Großgewächse.

Irente besteht aus vielen, weit verstreuten Lehmhütten am Rande des Usambara-Anstiegs. Die Felswände fallen hier zum Teil bis zu 800m senkrecht ab – und der Ausblick ist grandios. Auf dem Gelände um den höchsten Aussichtspunkt hat die vom Tourismus abhängige regionale Tourist Agency allerdings ein – zwar im traditionellen Stil gehaltenes, aber unverschämt teures – ‘Camp’ errichtet, in dem vornehmlich reiche Inder residierten. Ein seltsames Ambiente, wie mir schien. Ich konnte mich auf dem Gelände zwar frei bewegen, erst aber nachdem ich Eintritt bezahlt hatte, dafür aber auch ein wirklich nötiges, antialkoholisches Freigetränk bekam. Überall der gleiche Trick!

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Auf dem Rückweg wurde ich dann von einem kurzen, aber knackigen Regenguss überrascht. Genauso überrascht war ich, als mich sogleich ein junger Eingeborener zum Schutz in seine Hütte einlud. Also habe ich mich in die karg eingerichtete Hütte geflüchtet und saß auch gleich einer Schar Kinder und einer weißhaarigen, alten Frau ohne Zähne gegenüber, die mich erstaunt anschauten und kicherten. Alle waren offensichtlich unsicher wegen meinem spontanen Eindringen und auch ich habe mich etwas unangenehm gefühlt. Man konnte sich ja auf keine Weise, außer mit Händen, Füssen & Gesten verständigen. Wirklich toll, denn so haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes aneinander ran getastet und viel Spaß während der Regenpause gehabt. Zurück in Lushoto wollte ich dann noch den Eulen vom Arbeitsamt aus dem örtlichen Internet-Cafe schreiben, aber ein kompletter Stromausfall sollte mir das erschweren und dies erst am nächsten morgen ermöglichen.

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Nachdem ich den Pfeifen der ARGE endlich meine Abwesenheit nachgetragen konnte, führte mich meine nächste Tour in das parallel liegende Nebental. Von dem Örtchen Soni aus wollte ich die Bergwelt um den ‘Growing Rock’ erkunden.


Legende des ‘Growing Rock’:

Von den Bergen um Soni sieht man auf ein riesiges Hochplateau, umgeben von Hügeln und dem Berg ‘Growing RocK’. Der Legende nach gabe es eine schwere Flutkatastrophe, da es 28 Tage am Stück geregnet hatte und das Plateau voll lief. Dies auf grund des Lehmigen Bodens, der Wasser kaum versickern lässt. 8 Jahre habe es gedauert, bis das Wasser abgelaufen sei und den Menschen die dies von der gegenüber liegenden Gebirgsseite beobachteten erschien dies, als ob der Berg wächst.

Natürlich hatte ich bald wieder einen Begleiter dabei, sowie dessen schon lange nicht mehr gesehenen Schulfreund. Zu dritt haben wir dann, nach einem kurzen Marsch über den Markt, um Proviant zu besorgen, die Berge erklommen. Ziemlich steil ging es Berg auf. Ich war schon schwer am keuchen, als sich meine Begleiter am steilsten Stück – wie ich vermute, nur um mich zu ärgern – eine Zigarette ansteckten – die Schweine! Erst als wir die Raststätte kurz unterhalb der Gipfelkette erreicht hatten, konnte ich daher auch den atemberaubenden Ausblick genießen. Nach unserem Vesper packte mein Begleiter dann gewissenhaft alle Obstschalen & unseren Müll in eine Tüte, nur um diese dann beherzt in die Wildnis zu pfeffern. Eine Situation, die mich heute noch befremdet.

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Zurück in Lushoto half mir Samuel, mein Begleiter, noch ein Busticket nach Moshi zu erstehen. Nun war mir gewiss, dass ich auf dem Weg hier her abgezogen wurde, denn, obwohl die Strecke fast doppelt so lang war, kostete die Fahrt nur halb so viel!

Nachdem kurz darauf wieder im kompletten Ort der Strom – und diesmal langfristig – ausfiel, wartete ich bei Kerzenschein, ein Buch lesend, auf das neue Jahr. Es war ja schließlich der 31.12.2010 und ich wollte mir das Silvester-Ritual der Einheimischen nicht entgehen lassen. Kurz nachdem ich eingenickt war, wurde ich auch schon wieder von Sirenengeheul geweckt. Der Strom war noch immer weg, also begab ich mich, bewaffnet mit einer Taschenlampe, auf die Straßen. Leider wahr nichts zu sehen. Nur in der Ferne waren Kirchenglocken, Sirenen, leiser Jubel und vereinzelt Gewehrschüsse zu hören, worauf ich mich verstört zurück ins Bette begab, um für die Busfahrt fit zu sein.

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Um 7:00 Uhr an Neujahr sollte mein Bus nach Moshi fahren. Moshi, am Rande des Kilimanjaro gelegen, sollte meine letzte Station in Tanzania sein, von der aus ich dann die nächsten 3 Tage in verschiedene Richtungen ausschwärmen wollte. Eigentlich dachte ich, es würde genügen, 15 Minuten vor Abfahrt da zu sein, da es ja eh meist Verspätungen gibt. Als ich dann doch schon um 6:40 Uhr am Bus eintraf, wurde mein Gepäck schnurstracks in den Stauraum verfrachtet und keine 3 Minuten später ging es los. Die Fahrt war landschaftlich wieder bombastisch, vor allem die in Wolken gedeckten Pare-Berge, die sich an das Usambara-Gebirge anschließen. Auf der Fahrt ist lediglich ein Reifen geplatzt, und unser Fahrer hatte großen Spaß daran, Passanten per Hupe zu erschrecken – wenn er nicht gerade mit seinem Handy beschäftigt war. Ein Utensil, das jeder Tansanier als essenziell ansieht, steht’s griffbereit hat und das in keinem Haushalt fehlen darf, auch wenn’s nix zum fressen gibt (man verzeihe mir den Zynismus)!

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Nach einer abermals landschaftlich tollen Fahrt kamen wir am frühen Nachmittag am lebhaften Busbahnhof von Moshi an. Ich hatte mir im Vorfeld bereits wieder eine Unterkunft ausgesucht und ging direkt und mit starrem Blick, dort hin. Zwei Schlepper, die hier wirklich penetrant sind, konnte ich trotzdem erst im ‘Foyer’ der von mir gewählten Herberge davon überzeugen, dass ich mich nicht für ihr Angebot entscheiden werde. Ich hatte mich dabei glücklicher Weise für die beste, aber auch preiswerteste Übernachtungsmöglichkeit meines gesamten Trips entschieden – auch wenn das Zimmer nur ca. 3,5qm groß war und an der Bar ‘Boney M’ in Dauerschleife lief.

In Moshi trifft man leider auch wieder viele europäische, amerikanische oder japanische Touristen, die sich auf eine Besteigung des Kilimanjaro vorbereiten, der afrikanischen Kultur aber oft wenig Respekt zollen. Nach dem ich mir die Stadt ausgiebig angeschaut hatte, fuhr ich mit dem Kleinbus in das 2 Stunden entfernt gelegene Arusha, ebenfalls ein Ausgangspunkt für Trekking-Touren. Aber auch Startpunk für reiche Safari-Touristen, die in der westlich von Arusha gelegenen Serengeti wilde Tiere in ihrem letzten natürlichen Lebensraum belästigen wollen. Daher ist Arusha auch eine Hochburg der Kriminalität. Fotos zu machen ist auch nur heimlich oder mit Bakshish möglich. Dies bekam ich zu spüren, als ich von einem Einwohner unmissverständlich und strengstens auf das ‘Photographierverbot’ hingewiesen wurde, nur weil ich er die Kamera an meinem Gürtel gesehen hatte. Sehr schade, denn der Markt von Arusha war der farbenfroheste und schönste Markt, den ich bis dahin gesehen habe. Überall war geschäftiges Treiben und die Vielzahl an Früchten war wirklich enorm.

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Nach einem leckeren Essen (auch wenn ich keine Ahnung hab, was das war) in einer versteckten Eck-Kneipe, ging es auf der staubigen Piste wieder zurück nach Moshi. Unangenehm schwül-warm war es und so begab ich mich nach einer nötigen Dusche in eine nahe gelegene Kneipe, um den Tag gemütlich mit Bier und einem guten Abendmahl ausklingen zu lassen.

Dachte ich, dass meine bisherigen Busfahrten ungemütlich waren, sollte ich aber noch eines besseren belehrt werden. Ich wollte nämlich nach Marangu fahren. Ein kleiner Ort direkt am Zugang zum Kilimanjaro National Park. Der Minibus war zwar so gut wie voll, aber dennoch haben wir fast 30 Minuten gewartet, bis sich endlich insgesamt 28 Passagiere auf die 12 Sitzplätze verteilt hatten. Allerdings sollten noch weitere 4 Personen an den nächsten Haltestellen einsteigen. Die Enge hielt eine junge Frau mit einem Neugeborenen natürlich nicht davon ab, dieses ebendort stillen zu wollen, was wegen der enormen Enge für etwas Aufruhr sorgte.

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Nach 1,5 Stunden Fahrt, eingequetscht und in der Hocke kamen wir endlich im 1800m hoch gelegenen Dorf Marangu an. Gleich vor dem Bus kamen gleich wieder einige ‘Touristenführer’ angerannt, die ich aber alle ignoriert habe und ohne zu zögern einfach irgendwo hin gelaufen bin. Eine sehr gute Methode um die ‘Bugs’ abzuschütteln, solange es so aussieht, als wisse man wo es lang geht. Also bin ich etwas in der hügeligen und wild bewachsenen Gegend herum geschlendert. Nach nicht all zu langer Zeit traf ich auf Nelly, einen jungen Mann, der mir sehr nett erschien und der mir anbot, die Gegend zu zeigen, was ich auch nicht bereuen sollte. Denn Nelly (zu dem ich auch heute, 2018, immer noch Kontakt habe) führte mich durch riesige Bananenhaine zu abgelegenen, im Wald versteckten, kleinen Dörfern und zu einem schwer zugänglichen, traumhaft schönen Wasserfall. Danach ging unser Ausflug weiter zu den Hütten der Chagga.

Die Chagga: Das Volk der Chagga lebt schon seit Jahrhunderten friedlich im Gebiet südlich des Kilimajaro. Hauptsächlich leben die Chagga vom Anbau von Bananen und der Viehzucht. Seit einigen Jahrzehnten betreiben sie auch den Kaffeeanbau. Hauptnahrungsmittel ist allerdings die Banane. Hier gibt es die verschiedensten Sorten für die verschiedensten Anwendungen. Sogar fermentierte, alkoholische Getränke werden daraus ‘gebraut’, das sogenannte ‘Pombe’. Dies bekommt man sowohl traditionell, als schleimige Brühe aus einem rostigen Napf, oder aber industriell hergestellt in Glasflaschen gereicht. Die Chagga lebten in Strohütten (mittlerweile sin diese aus Lehm oder Holz, zusammen mit ihrem Vieh, da sie fürchteten, die Massai würden dies bei ihren Raubzügen stehlen, was auch gar nicht so selten war. Als aus Nahrungsnot durch Dürreperioden immer mehr der kriegerischen Massai-Nomaden von Kenia aus in das fruchtbare Gebiet kamen, sahen sich die Chagga gezwungen, kilometerlange Tunnel-Systeme zu bauen, um sich bei Gefahr zurückziehen zu können. Trotzdem kam es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen. Beim Kampf in den Höhleneingängen hatten die Massai aber wenig Chancen und zogen sich im Laufe der Jahre zurück. Heute leben die Chagga und die Massai friedlich im Einklang nebeneinander, viele junge Chagga haben die Region aber schon verlassen, um ihr Glück in einer der größeren Städte zu suchen.

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Nach einer kurzen Pause und leicht bedult vom scharfen ‘Bananen’-Trunk wanderten wir weiter zum Eingang des Kilimajaro National Park. Hier sind zig Gedenktafeln aufgestellt, die an den Deutschen Hans Meyer, den Österreicher Ludwig Purtscheller und ihren Bergführer Yohani Lauwo erinnern, die den Berg, der damals noch Kaiser-Wilhelm-Spitze hieß und als höchster Berg Deutschlands galt, als erste Menschen bestiegen. Ein wirklich beeindruckendes Panorama bietet sich einem hier und es war die Mühen wirklich wert, nach einem anstrengenden Tag nochmals den steilen Fußmarsch dorthin zu machen. Am späten Abend verabschiedete ich mich dann von meinem Begleiter und bestieg den abermals überfüllten Bus zurück nach Moshi. Total kaputt und nach einer noch ungemütlicheren, engeren Fahrt mit diesmal 36 Personen, auf einem Fuß kniend und gegen die Scheibe gequetscht, wollte ich eigentlich nur noch schlafen. Aber da ich schon in 3 Stunden, also um 0:00 Uhr zum Flughafen aufbrechen musste, war damit auch nix. Ebenso musste ich leider die Einladung zweier Ugander absagen, die mit mir noch einen heben wollten.

Bewaffnet mit einem Messer stieg ich dann ins Taxi, dass mich zum 50 km entfernten, mitten in der Pampa gelegen Flughafen bringen sollte. Das Messer war vorerst steht’s griffbereit (man weiß ja nie was einem in so einer verlassenen Gegend mitten in der Nacht passieren kann). Aber meine Bedenken hatten sich schnell verflüchtigt, denn mein Fahrer war ‘n wirklich netter Kerl und ist auch nirgendwo in der Wildnis ‘rechts ran gefahren’. Leider war am Flughafen gar nix los. Alles war geschlossen, da unser Flug der einzige in dieser Nacht war. Nach einem langen, anstrengenden aber tollen und erlebnisreichen Tag schlief ich dann gegen 3:30 Uhr in meinem Sitz ein. Um 6:30 war’s aber schon wieder vorbei mit dem Schlaf, denn wir landeten in Addis Abab und ich konnte die letzte Etappe – den Besuch bei meiner angeheirateten Familie in Äthiopien – beginnen.

Ostafrika für Anfänger (Dez. 2010), pt.2

Zanzibar

Traum der „Karibik“ und Name jeder zweiten Proletenkneipe. Genau in diesem Zwiespalt liegt auch diese Insel. Nun ja, in der Karibik liegt Zanzibar zwar nicht, sondern unmittelbar vor der Küste einiger der ärmsten Länder der Welt, was den Pauschaltouristen aber nicht davon abhält, hier in unerträglichem Maße seine Existenz zu präsentieren. Zanzibar gehört offiziell zur Republik Tanzania, ist aber teil-autonom und besitzt ein eigenes Parlament. Die Insel ist arabisch geprägt und die Bevölkerung zu 99% muslimisch, mal strenger, mal weniger.

Von Mitte des 19. Jahrhunderts an wurde Zanzibar , ebenso wie ein Großteil der Ostküste Afrikas von arabischen Seefahrern in ‘Selbstverwaltung’ eingenommen, vergleichbar mit der Invasion spanischer und portugiesischer Okkupisten einige Jahrhunderte zuvor an der Küste Südamerikas. In der Folge wurde Zanzibar bis zu Beginn der 1960er Jahre vom Sultan von Oman regiert.

Wer sich weiter über die Geschichte Zanzibars informieren will findet in den einschlägigen Informationsdiensten genug Material!

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Nach einer fast unerträglichen halben Stunde in der prallen Sonne und in großem Gedränge habe ich es geschafft, in Dar Es Salaam die Fähre zu besteigen. Gleich hinter dem Einlass wurde mir mein Rucksack abgenommen – fast sogar vom Rücken gerissen – und auf dem Bug mit den Gepäckstücken der anderen Mitfahrern verstaut. Das Innere des Bootes war klimatisiert und erstaunlich luxeriös. Mit ‘Rumble in the Bronx’ auf den Bildschirmen startete dann das Boot pünktlich mit nur einer halben Stunde Verspätung über den Kanal.

Die Ankunft auf Zanzibar war weniger romantisch als man sich das so vorstellen mag. Linker Hand befindet sich der dreckige Fracht- und Fährhafen. Rechter Hand ist der Strand mit erschreckend verkommenen Hausfassaden im Hintergrund. Nachdem ich mein Gepäck unter einem großen Haufen heraus gewühlt hatte, musste ich zur Immigration und war schon wieder total verschwitzt. Vor dem Tor standen gleich die Touristenfänger, die einem ein Zimmer andrehen wollen. Hatte aber am Vortag schon telefonisch reserviert und gleich der erste der mich angelabert hat, war von meinem Guest House, also konnte ich die lästigen Schlepper umgehen. Hab dort aber nur mein Zeug abgestellt und bin gleich mal los, um die Umgebung zu erkunden. Nach einem schweißtreibenden Rundgang bin ich zurück ins Zentrum von Stonetown, der Hauptstadt.

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Hier wird einem wirklich alles angedreht. Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Gewürze, Klamotten, Souvenirs, T-Shirts oder CDs. Da man die CDs nicht Probe hören kann, latschen die fliegenden Händler dann neben einem her und singen jedes Lied auf der CD mal an. Sehr schön. Aber nach kurzer Zeit auf dem Markt hatte ich aber dann auch so ‘n Touristenschlepper am Hals, der mich in jedes Geschäft ziehn und mir alles zeigen wollte. Der hat aber einfach nicht kapiert, dass er mich in Ruhe lassen soll. Irgendwann habe ich ihn vor laufen lassen und bin dann schnell zweimal in den verwinkelten Gassen abgebogen und weg war er, puh. Aber ich hab mich zu früh gefreut. Keine 10 Minuten später hatte ich wieder einen an der Backe kleben. Bin mit dem Typ dann eben doch durch die Gassen geschlendert, da ich es Leid war nur zu motzen, und ich muss sagen, er hat sich als wirklich netter Typ erwiesen. Er wollte am Ende nicht mal Geld haben. Bin mit ihm dann noch in die Freddy Mercury Bar direkt am Strand mit herrlichem Blick über das Meer, der für die schäbigen Fassaden in Stonetown entschädigt.

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Am nächsten Morgen wurde ein kostenloses, opulentes Frühstück serviert, was hier nicht gerade üblich ist. Dazu lief Wrestling im Fernsehen. Während es bei mir Marmeladen-Toast, Obst, Eier und Tee gab, aßen die Angestellten das traditionelle Ugali, ein schlonziger Getreidebrei, der nach absolut nichts schmeckt. Danach bin ich in die Stadt um mich nach Ausflügen zu erkundigen, da man alleine sonst nicht viel von der Insel zu sehen bekommt. Da ich etwas spät dran war hab ich mich von ‘nem Typ auf der Straße an labern lassen, wovon einem allerdings immer abgeraten wird – aber: No risk no fun! Der Typ hat mich gleich mitgenommen und in eine Spice-Tour gesteckt, die sogar günstiger war als bei vielen anderen Anbietern. Also wieder Glück gehabt. Im Minibus ging es dann mit einigen ätzenden Pauschaltouristen in den Norden auf eine Obst- & Gewürzplantage. Hier wird multikulturell angebaut, also die verschiedensten Sorten direkt nebeneinander: Pfeffer, Ananas, Jackfruit, Banane, Kokosnuss, Nelken, Chilis, Litschis und vieles mehr. Anschließend gab es auch eine Verkostung der verschiedenen Früchte. Leider hat es zwischendurch kurzzeitig geregnet was in der kleinen Regenzeit aber absolut üblich ist. Danach wird’s allerdings saumäßig schwül.

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Nach einem kurzen Abstecher zum Bad des Sultans fuhren wir in eine Waldhütte, wo wir auf dem Boden sitzend lecker geluncht haben. Kartoffelreis, Spinat und Kokossauce mit Okra-Schoten – sehr lecker! Allerdings wunderte ich mich nicht zum letzten Mal, warum bei der Vielfalt der Gewürze so wenig davon für die Speisen verwendet wird. Nach der Speisung haben wir über schlammige Straßen noch einen Abstecher zu einer Korallenhöhle, inkl. Riesentausendfüßer, und zum weißen Sandstrand an der Nordküste Zanzibars gemacht, bevor es, vorbei an armseligen Dörfern und schiefen Lehmhütten, zurück nach Stonetown ging. Der Trip war wirklich gut und auch preisgünstig, so dass ich sofort für den nächsten Tag einen Ausflug nach Prison Island reserviert habe. Da es erst 16:00 Uhr war, habe ich mir noch das Nationalmuseum angeschaut und am Hafen den Mauerspringern zugeschaut, die dort jeden Abend spektakuläre Sprünge von der Hafenmauer ins Becken machen. Dort gibt es auch einen all-abendlichen Fressmarkt, auf dem Fischer ihren Fang, schon zu Spießen verarbeitet, zum Genuss anbietet. Sehr lecker und vielfältig, was einem dort für wenig Geld auf den Grill geschmissen wird. Nach einem Absacker in der Mercury-Bar war ich dann auf den nächsten Tag gespannt.

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Der Trip nach Prison-Island begann am Strand mit dem Ausleihen von Schnorchelgerät. Mit einem kleinen Motorboot aus Holz und ein paar doofen Pauschaldeppen starteten wir über das türkisfarbene Meer zur 30min. entfernten Prison Island. Wie der Name schon sagt, eine ehemalige Gefängnisinsel, heute allerdings in Privatbesitz und als Touristenziel vermarktet. Wir ankerten vor der Insel um die Korallenriffs zu erkunden. Einer der Deppen hat aber gleich seine Taucherbrille versenkt, so dass unser Kapitän das Teil aus 12m Tiefe wieder hoch holen musste. Nach dem traumhaften Schnorchelausflug gingen wir auf die Insel, auf die die Briten vor 200 Jahren Riesenschildkröten mitbrachten und die auch heute noch dort leben. War wirklich beeindruckend die Riesenechsen mal in Freiheit zu erleben. Und obwohl unser Kapitän uns darauf hingewiesen hatte, die Kröten in Ruhe zu lassen, hat sich der selbe Depp, der vorhin schon seine Taucherbrille verloren hat – ein fetter Südafrikaner – gleich auf eine drauf gesetzt. ‘Morla’ ist dabei richtig nieder gesackt! Hätte dem echt eine rein schlagen können. Nach der Rückkehr und einem exzellenten Mittagessen habe ich dann den restlichen Tag in Stonetown verbracht.

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Allerdings hat es wieder nicht lange gedauert, bis ich ‘nen Schlepper am Hacken hatte. Bin dann in ein Internetcafe. Selbst dort kam er mir hinterher und meinte er will jetzt Kohle, da er mich hier her gebracht habe. Habe aber gemeint er solle sich ganz schnell verpissen, als auch schon der Inhaber kam und ihn raus geschmissen hat. Der Inhaber hat mir erklärt, das die ‘Bugs’, wie die Typen dort genannt werden, allen Händlern auf den Sack gehen, das Geschäft vermiesen und Kunden vergraulen. Meine Reaktion wäre schon richtig.

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Aber natürlich hat es nicht lange gedauert, bis mich wieder ein ‘Bug’ im Visier hatte. Bin dann in eine versteckte Einheimischen-Bar. Der Typ ist mir aber hinterher und wollte mir Gewürze andrehen. Hab mir also ein Bier bestellt und angefangen Postkarten zu schreiben. Da ist der Typ verschwunden, kam aber 5 Minuten später mit einem Stapel Postkarten zurück, die er mir unter die Nase gehalten hat. Als er der Aufforderung, mich in Ruhe zu lassen, nicht nach gekommen war, ist mein Tischnachbar aufgestanden und hat in kurzer Hand raus geschmissen. Habe dann bei ein paar Drinks mit meinem Helfer geplautscht als er meinte: „He’s still out there“. Dann ist er raus und es hat ein paar mal geklatscht. Als er zurück kam hat er sich entschuldigt und wir haben gemütlich weiter geredet. Etwas besäuselt habe ich dann noch eine Tour für den nächsten Tag abgecheckt, auf dem Markt was zum kochen geholt und bin, mit einem Umweg über die ‘Mercury-Bar’, ins Guesthouse, wo ich nach einer kalten Dusche in der hauseigenen ‘Küche’ – ein Gaskocher zwischen 2 Ameisenstraßen – mein Abendmahl bereitete.

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Am nächsten Tag fuhren wir dann in den Süden Zanzibars, an den Delphin-Strand von Kizimkazi. Mitten im Ort steht ein riesiger Baobatree, der einen größeren Durchmesser hat als unser Minibus! Danach bestiegen wir am traumhaft schönen Strand ein kleines Holzboot, um die Delphine zu sehen. Man konnte auch wieder Flossen ausleihen um mit den Tieren zu schwimmen, was ich allerdings nicht wollte. Nach kurzer Fahrt muss ich auch sagen, dass dies die richtige Entscheidung war, denn was mit den Tieren dort passiert ist schon arg erbärmlich und ich kann jedem nur davon abraten. Etwa. 10 Boote mit Touristen waren in der Gegend unterwegs. Sobald Delphine gesichtet wurden, sind alle Boote dort hin gerast und die Leute haben sich ins Wasser geschmissen. Natürlich sind die Delphine sofort abgehauen und alle Mann wieder an Bord gekommen, bis die nächsten Delphine gesichtet wurden. Auf meine Nachfrage meinte unser Kapitän dann auch ganz frech, die Delphine würden das mögen und als Spiel auffassen – so ein dummes Geschwätz! Ich schäme mich wirklich, dem beigewohnt und auch noch Kohle für diese Treibjagd gezahlt habe.

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Nichts desto Trotz ging es nach einem köstlichen Thunfischsteak weiter in den Jozani Forest, der im Zentrum der Insel liegt. Hier fühlt man sich wie mitten im Urwald, obwohl nur wenige Kilometer von der Küste entfernt. Überall wuchern Farne zwischen Mahagoni & Teakbäumen und ab und an trifft man auf einen Krebs, der aus seinem Loch im Waldboden linst. Aber auch die, nur auf Zanzibar vorkommenden, Rotrücken-Stummelaffen tanzen durch die Baumwipfel. Hier im Wald wird schon mehr Wert auf den Artenschutz gelegt und es wird nicht gestattet, die schmalen Trampelpfade zu verlassen und den Affen zu Nahe zu kommen. Die haben da ein ganz schönes Spektakel in den Baumwipfeln abgeliefert.

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Nach der Rückkehr nach Stonetown habe ich mich nochmals auf ein Bierchen mit meinem ‘Helfer’ aus der Kneipe getroffen, bevor es zum Abschluss meines Zanzibar-Trips wieder in meine Stammkneipe, die ‘Mercury-Bar’, ging. Dort feierte ein schon ziemlich besoffener Einheimischer gerade seinen 60ten, so dass ich doch etwas länger bleiben musste.

Schade, das mein Ausflug auf diese herrliche Insel, die im Landesinneren durch schreckliche Armut geprägt ist, schon vorbei war. Viele tolle Dinge gibt es hier zu sehen, aber nach 4-5 Tagen treibt es einen dann schon weiter. Die Ostküste habe ich mir allerdings gespart, da diese von zig All-Inclusive-Wohnanlagen verschandelt wird, was im krassem Gegensatz zu den Lebensbedingungen der Einheimischen steht.

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Touristen auf Zanzibar

Die meisten Touristen auf Zanzibar sind keine Individualreisenden oder Backpacker, sondern respektlose Pauschaltouristen. Oft junge Familien oder Pärchen, die an der Ostküste in Luxusbungalows wohnen und höchstens mal für einen Trip nach Stonetown oder zur Delphin-Jagd die Anlage verlassen. Hauptsächlich Italiener, aber auch einige Südafrikaner, Amerikaner, Deutsche und Russen sind hier an zu treffen Das Benehmen ist meist überheblich, großkotzig & zum fremd schämen. Mit Geld wird nur so um sich geschmissen (weswegen hier alles doppelt so teuer ist wie in Tanzania) und neben den Frauen unter Schleiern oder Burkas laufen die Touristenweiber in Hotpants und mit Spaghettiträgern herum. Laut meinem ‘Helfer’ sehen viele Zanzibaris die Männer daher als willige Melkkuh und die Frauen als unzüchtige Schlampen – ja so ist das hier! Auf der anderen Seite gibt es noch die Touristen – komischer Weise meist Frauen – die sich nach der Ankunft sofort von Kopf bis Fuß in traditionelle afrikanische Klamotten werfen, und jeden auch noch so dummen (oder erfundenen) Ritus mitmachen, was nicht weniger peinlich ist. Glücklicher Weise sollte ich die nächsten 5 Tage keine Europäer mehr sehen.

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Um 10Uhr am nächsten Morgen ging es dann zum Flughafen, von wo aus ich über die Nachbarinsel Pemba zurück aufs tanzanische Festland fliegen wollte. Da der Flug etwas Verspätung hatte, habe ich im Flughafenrestaurant die ekeligste Pizza meines Lebens verspeist. Weicher Boden, belegt mit Ketchup, Mayo, trockenem Hühnerfleisch und 2 Kilo leicht angeschmolzenem, labberigem Käse.
Der Flug war allerdings atemberaubend. In einer Cessna mit 12 Plätzen – ich saß direkt hinter dem Kapitän, ein anderer Fluggast auf dem Sitz des Co-Piloten – flogen wir sehr wackelig und in geringer Höhe über die Insel. Meine japanische Sitznachbarin hätte mir dabei allerdings fast über die Hosen gekotzt. Nach eineinhalb Stunden Flug inklusive Zwischenlandung waren wir dann in Tanga, im gebirgigen Norden Tanzanias.

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Ostafrika für Anfänger (Dez. 2010), pt.1

Nachdem ich die Freuden des Fernreisens wiederentdeckt habe, hab ich mich – eigentlich eher unfreiwillig und vorgezogen – entschlossen, die ehemalige deutsche, später britische Kolonie Tanzania sowie das arabisch geprägte Zanzibar zu erkunden. Eigentlich hatte ich ja vorher einen Trip nach Süd-Amerika geplant. Allerdings habe ich eine angeheiratete Familie in Äthiopien. Und da fast meine ganze deutschstämmige Familie im Winter dort zu Besuch war, wurde der fremdländische Familienbesuch kurzerhand als Alibi benutzt um ein bisschen mehr von Ost-Afrika zu sehen als Äthiopien, das ich schon vor einigen Jahren erkunden durfte. Also den Rucksack gepackt und auf ins Abenteuer.

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Von Deutschland nach Tanzania

Eigentlich war ich ja auf die möglichen Komplikationen im winterlichen Süddeutschland vorbereitet. Allerdings hatte ich nicht mit einer solchen Verspätung gerechnet. Nachdem ich recht pünktlich am Frankfurter Flughafen eingetroffen bin, wurde uns mitgeteilt, dass der Flug mindestens 3 Stunden Verspätung habe. Schon mal toll, aber dafür gab es auch einen € 25-Fressgutschein. Also erst mal inne Kneipe und voll fressen. Schließlich ging der Flug mit knapp 9 Stunden Verspätung los. Mittlerweile hatte ich schon über 10 € für überteuertes Bier am Flughafenshop ausgegeben und mich über den von der Lufthansa für Gestrandete engagierten Unterhaltungsfritzen amüsiert.

Mehr als die Hälfte der Passagiere, inklusive mir, hatten in Kairo natürlich ihren Anschlussflug verpasst. Es war 3:30 Uhr morgens und meine nächste Flugmöglichkeit sollte abends um 23:00 Uhr starten. Vieles kam mir aber ziemlich chaotisch vor. Hier wusste wirklich keiner, was der andere macht und wie es weiter gehen wird. Wir sollten in einem exklusiven Hotel in der Innenstadt einquartiert werden. Allerdings hatte ja keiner ein Visum für Ägypten, was die Lage etwas verkomplizierte. Nach heftigen Diskussionen wurden wir ‘gebeten’ unsere Pässe am Flughafen zu lassen.

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In einem überfüllten Bus ging es in halsbrecherischem Tempo in die Innenstadt zum Triumph Hotel, das mit Körperscannern an der Eingangstüre gesichert war. Der Sicherheitsbeamte hat jedoch geschlafen und auch das ständige gepiepse des Scanners hat ihn offenbar nicht gestört. Da das Hotel nicht genügend freie Zimmer hatte, gab es auch hier einige Tumulte und ich sah schon die Fäuste fliegen, als wir mit einem wirklich tollen Frühstücksbuffet ruhig gestellt wurden. Um 11:30Uhr hatte ich es geschafft, mit einem Matz, einem Mitreisenden aus Hannover, der seine Freundin in Kenia besuchen wollte, ein Zimmer zu ergattern, wo wir und erst mal ausruhen und frisch machen konnten. Gegen 17:00Uhr habe ich es gewagt, trotz Verbot und ohne Pass, das Hotel zu verlassen und etwas um den Block zu schlendern. Wohl war mir, angesichts der hohen Militärpräsenz, allerdings nicht. Die politische Lage in Kairo war noch nicht ganz so wild, wie es 4 Wochen später sein sollte, als der sogenannte Arabische Frühling hier seinen Beginn finden sollte.

Um 20:00Uhr wurden wir in einen noch kleineren Bus gepresst, denn man hatte ja nicht ahnen können, wieviele Leute wir waren. Erneut ging es mit rücksichtsloser Fahrweise zum Flughafen. Nicht nur einmal kamen andere Fahrzeuge bis auf wenige Zentimeter an mein Fenster, welches ich sicherheitshalber lieber geschlossen hielt. Am Flughafen erhielten wir erstaunlicher Weise sofort unsere Pässe und Bordkarten. Kurz vor Mitternacht starteten wir dann endlich in Richtung Addis Ababa, wo wir nochmals umsteigen sollten. Leid taten mir dagegen einige Mitreisende, die noch einen Tag länger auf ihren Flug warten und in Kairo ausharren mussten. Zwar hatte ich einen Platz in der Business Class bekommen, aber das Essen war trotzdem so scheiße, dass ich fast kotzen musste.

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In Addis Ababa musste ich dann nochmals rund 6 Stunden warten, bis der Flug nach Dar Es Salaam startete. Wir waren ein Grüppchen aus 5 Einzelreisenden, so dass die Wartezeit in der Flughafenbar recht schnell vorbei ging. Gegen 12:30 war ich dann aber endlich, mit läppischen 31 Stunden Verspätung in Dar Es Salaam, der größten Stadt und Regierungssitz Tanzanias, dem früheren Deutsch-Ostafrika. Die schwüle Hitze hat mich allerdings fast umgehauen. Nach 30 Sekunden war ich durchgeschwitzt bis auf die Unterhose und habe mir ein Taxi gesucht, da mein bestellter Chauffeur verständlicher Weise nicht so lange auf mich gewartet hatte. Bezahlen durfte ich ihn dann dennoch. Wenigstens wurden mir die Kosten für die erste Nacht in meiner Unterkunft nicht berechnet – und zum Glück war auch meine Buchung auch nicht storniert worden. Hatte ja unterwegs versucht anzurufen, aber niemanden erreicht.

Nach einer gemütlichen Dusche habe ich mir die Stadt angeschaut. Ein wirklich hässlicher Moloch, in dem man die Armut an jeder Ecke sieht. Man wird auch von jedem gleich angequatscht und jeder will Kohle von einem. Sehr lästig, aber auch nur zu Gut verständlich. Es ging zum Fischmarkt, wo es stinkt wie Drecksau und schweine-heiß ist, da dort auch überall gekocht und gegrillt wird. Es ist so heiß und schwül, dass man sich 6-7 Liter Wasser am Tag rein säuft und trotzdem nur einmal pissen muss.

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Im Botschaftsviertel wurde ich dann auch gleich noch von so’nem Deppen mit dem Auto angefahren. Allerdings war der Fahrer so bestürzt, dass ich ihn beruhigen und trösten musste. Auch der Markt von Dar Es Salaam ist total schäbig und dreckig, so dass es kein Vergnügen ist, dort herum zu schlendern. Eigentlich war ich fast froh, bald eine Fähre zur Überfahrt nach Zanzibar nehmen zu können. Nicht zu Letzt, da es auch Nachts für einen Europäer nicht gerade angenehm, bzw. richtig gefährlich werden kann, alleine durch die Stadt zu laufen. Und das ist kein Witz. Hier haste schneller die Fresse blutig und dein Zeug abgenommen, als du schauen kannst. Ich war jedenfalls froh, mit einem Einheimischen, der mich an einer Straßenecke abgefangen hatte, unterwegs zu sein. Der hat mir die Slum-Gangs mehr oder weniger vom Hals gehalten hat, mich aber auch gegen einen abgesprochenen Betrag durch die Stadt geführt. Am Ende wollte er anstatt den abgemachten 15 aber plötzlich 50 Dollar. Musste ihm dann klar machen, dass ich mich nicht verarschen lasse und am Ende war er mit den 15 Steinen auch ganz zufrieden. Ist immer noch genug Kohle für die hiesigen Verhältnisse. Hat auf dem Rückweg aber immer weiter versucht, mir noch was abzuschwätzen, worauf ich aber nicht eingegangen bin. Und da ich immer freundlich aber bestimmt war, trennten wir uns dann doch in gutem Einvernehmen.

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Am nächsten Tag bin ich dann alleine noch etwas durch die Stadt gelaufen, aber es war wirklich unerträglich schwül, so dass ich das ein oder andere Mal eine Bank oder das Postamt betreten habe, nur um in den Genuss der dortigen klimatisierten Räume zu kommen. Nachdem ich mich ein wenig verfranzt hatte, wäre ich am Abend dennoch fast zusammen geklappt. Zurück im Hotel musste ich dann erst noch ein Erfrischungsgetränk zu mir nehmen, um es dann in den ersten Stock in mein Zimmer zu schaffen. Nachdem ich gegen später noch etwas essen war, hab ich den Rest von ‘Heilig Abend’ in meinem schäbigen Zimmer mit einem Tetra-Pack Wein verbracht und den Insekten und Krabbeltieren beim Erkunden meiner Klamotten und meines Gepäcks zugesehen.

Nach Kräfte zehrenden Tagen mit wenig Schlaf und in der Stadt habe ich dann eine Fähre bestiegen die mich innerhalb von 3 Stunden nach Zanzibar, dass nicht weit vor der Küste Tanzanias liegt, brachte. Das Besteigen des Schnellbootes hatte es aber nochmals in sich. Denn hier drängelten sich dutzenden Leute in der Hitze, schubsten, schoben und standen einem auf den Füßen, so dass ich manch einen am liebsten vom Steg geschmissen hätte. Aber nach 45 Minuten im gedränge wurde mir mein Rucksack dann doch endlich abgenommen, und auf dem Bug zusammen mit den Gepäckstücken der anderen Mitfahrer abgeworfen und los ging die rasante Fahrt nach Zanzibar.

Fortsetzung folgt…

Ein paar Tage in Israel (Juni, 2017) – pt.2

Tag 3 – Nazareth – See Genezareth

Heute hieß es wieder: früh aufstehen. Um 6:00 Uhr bin ich aus den Federn gekrochen, um mich langsam auf den Weg zum Abfahrtspunkt der Bustour nach Nazareth zu begeben. Eine halbe Stunde später fand ich mich an der Strandpromenade wieder, die direkt zum Treffpunkt führt und ca. 3 km Wegstrecke aufweist. Bereits um halb sieben waren hier hunderte Jogger und Radfahrer unterwegs, was angesichts der kurz nach Sonnenaufgang schlagartig in die Höhe schnellenden Temperaturen auch nicht verwunderlich ist. Den Start eines Triathlons konnte ich auch noch bewundern, bevor ich noch kurz am am/pm mein Frühstück geholt habe und um 7:45 Uhr den Bus in Richtung Nazareth bestieg. Unsere Reisegruppe war ein wenig kleiner als beim Trip nach Jerusalem, die Fahrt zu unserem ersten Zielpunkt dafür ein wenig länger. Zuerst ging es 50km der Küste entlang, bevor wir ins Landesinnere fuhren. Vorbei an einigen Industrieanlagen sah man nahe kleinerer Ortschaften immer wieder Baustellen, wo relativ große, hohe Wohngebäude errichtet wurden. Hier kam in mir die Frage auf, warum diese errichtet werden. Immerhin gibt es bereits viel leerstehenden Wohnraum und auch in den Palästinensergebieten werden konsequent neue, schwer bewachte Siedlungen errichtet, was angesichts der geringen Bedürftigkeit an Wohnraum eigentlich gar nicht notwendig wäre. Für mich stellt sich das – mal ganz simpel gesprochen – einerseits als wirtschaftliche Selbstüberschätzung und Fehlkalkulation, andererseits als reine Provokation und Verdeutlichung des Besitzanspruchs dar. Das Unverständnis bleibt allerdings. Die weitere Fahrt führt durch eher karge, ausgedörrte Landschaften, die jedoch immer mal wieder durch Oliven-Plantagen kultiviert sind.

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Nazareth besteht aus Alt-Nazareth sowie Nazareth-Illit. Zusammen haben die beiden Bezirke ca. 114.000 Einwohner. Illit, der neuere Teil wird hauptsächlich von Juden bewohnt. Die Altstadt, die wir besuchten, von Christen und Moslems. Nazareth ist die Stadt mit der größten Gemeinschaft arabischer Israelis, was auch an dem großen arabischen Markt deutlich wird. Da Nazareth eine große Bedeutung bei Christen hat, kam es hier vor einiger Zeit zu großen Spannungen, da die muslimische Gemeinschaft den Bau einer großen Moschee plante, die in der Nähe der Verkündigungskirche liegen sollte. Hier stieg der Legende nach der Erzengel Gabriel vom Himmel herab und verkündete Maria die ungewollte Schwangerschaft durch eine angeblich unbefleckte Empfängnis. Wie in allen christlichen Kirchen ist hier moderate Kleidung vorgeschrieben, was – trotz mehrfacher Hinweise und Kundmachungen – wohl nicht jeder in unserer Gruppe verinnerlicht hatte. So musste sich eine brasilianische Teilnehmerin schnell noch bei einem arabischen Händler ein Kleid und ein Tuch zu überhöhtem Preis kaufen um Ihr Top und die Hotpants darunter verschwinden zu lassen. Sehr clever, direkt vor der Kirche Klamottenstände zu postieren. Die Kirche an sich ist ziemlich schmuck, was auch daran liegt, dass dies ein relativ neuer Bau ist, der auf den Ruinen der davor hier gelegenen Kirchen errichtet wurde. Im Erdgeschoss befindet sich die Grotte in der die Verkündigung stattgefunden haben soll. Im Obergeschoss befindet sich dann das große Kirchenschiff, welches mit schönen Mosaiken ausgeschmückt ist und eine spektakuläre Kuppel besitzt. Die Kirche ist sowohl von innen als auch von außen ziemlich beeindruckend und war glücklicher Weise nicht ganz so überlaufen wie die Grabeskirche in Jerusalem. Direkt daneben befindet sich die Josefskirche, die ziemlich spartanisch daher kommt und auf den Ruinen Josefs Haus errichtet worden sein soll.

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Nachdem wir die beiden Kirchen besichtigt hatten ging es zurück ins Zentrum der Altstadt, vorbei einem aufdringlichen Händler, der am Ausgang des Komplexes jedem Heraustretenden einen Rosenkranz für 5 Schekel andrehen wollte. Erstaunlicher Weise haben viele aus unserer Gruppe hier auch zugegriffen! Und das wo es doch nun in den staatlich autorisierten Souveniershop ging. Dieser war für mich aber weniger von Interesse – bis auf die dort befindliche Toilette natürlich, die auch von den anderen rege genutzt wurde. Viel mehr haben wir von Nazareth leider nicht gesehen, denn der Zeitplan war eng gesteckt und so ging es mit dem Bus an den ca. 30 km entfernten See Genezareth (Sea of Galilee). Der See liegt im Grenzgebiet zu Syrien und Jordanien und befindet sich auf einer Höhe von 212 Meter unter dem Meeresspiegel. Beschissen heiß war es hier (ca. 45°C) und so schlichen wir auf dem Weg zur Brotvermehrungskirche nahe dem Örtchen Tobgha von Schatten zu Schatten. Auch diese Kirche ist relativ neu, da vor wenigen Jahren ein radikaler Jude einen Brandanschlag auf selbige verübte und ein Großteil neu errichtet werden musste. Die Kirche, wo Jesus Brot & Fisch für die Bevölkerung herbei zauberte, ist recht schlicht und jetzt nichts wirklich besonderes. Also ging es schnell weiter zur Jesus-Stadt Capernaum. Hier lebte Jesus im Haus von Petrus, wovon die Grundmauern noch erhalten sind. Ebenso wie von der alten und der neuen Synagoge. Obwohl die Besichtigungsstätte direkt am See liegt, wo ein leichter Wind blies, war es auch hier fast unerträglich heiß. Nichtsdestotrotz ein interessanter und ansehnlicher Ort.

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Nun ging es aber zur Verköstigung in eine Spelunke am See, wo sich (wie auch in Jerusalem) ausschließlich die Teilnehmer von Bustouren verköstigen. Das Etablissement war ziemlich voll davon und die Servicekräfte waren sichtlich überfordert. So blieb nach dem etwas trockenen St.-Peter-Fisch kaum noch Zeit, sich ans Ufer des Sees zu begeben, von wo aus man einen herrlichen Blick über das Gewässer hat. Der weitere Weg führte uns einmal um den See herum bis zum südlichen Ende, wo der Jordan den See in Richtung Totes Meer verlässt. Im Nordosten des Sees befinden sich die Ausläufer der Golanhöhen, die von Israel im 6-Tage-Krieg im Jahre 1967 besetzt wurden und offiziell immer noch syrisches Staatsgebiet sind, da die UN die Vereinnahmung durch Israel nie anerkannt hat. Hier versuchte unser Guide, uns irgendeinen Scheiß zu erzählen, der das israelische Verständnis von Landesverteidigung ganz gut wieder spiegelt. Denn Itamar, so der Name unseres Gruppenführers, behauptete, die Besetzung diene lediglich der Grenzsicherung und nicht der Landgewinnung, was ich an Hand des Siedlungsbaus auf den Golanhöhen nicht so recht akzeptieren konnte. Zudem brachte er dann auch noch die Gefahren durch Angriffe des sogenannten IS ins Spiel, was ich angesichts der Besetzung seit 50 Jahren doch für etwas unangebracht hielt. Zudem zeigte sich Itamar recht stolz, dass die israelische Armee in diesem „Verteidigungskrieg“ Armeen aus 4 verschiedenen Ländern (Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten) geschlagen habe. Für mich eine komische Ansicht der Dinge und Verdrehung der Tatsachen, die den Isrealis aber wohl bereits in der Schule mitgegeben wird.

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Wenig später erreichten wir dann Yardenit, die heilige Taufstätte am Jordan. Ein recht idyllischer Ort, an dem sich dutzende Christen (nochmals) Taufen ließen und in weißen Gewändern in den Fluss tauchten. Die Taufstätte wurde in Gedenken an die Taufe Jesu errichtet, der allerdings nicht hier sondern weiter Flussabwärts, in der Nähe von Jericho von Johannes dem Täufer getauft worden sein soll. Macht aber nichts, denn hier ist es einfach schöner und für die Touristen und Gläubigen vom optischen her ansprechender. Nun ging es aber wieder mit dem Bus zurück nach Tel Aviv und nach kurzer Zeit, nachdem wir noch den gigantischen Blick von den Hügeln aus über den See, die Golanhöhen und das Jordan-Tal genossen hatten, schlummerte ich vor mich hin. Die Hitze hat mich doch ganz schön fertig gemacht.

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Pünktlich zum wundervollen Sonnenuntergang war ich wieder in meiner Unterkunft und nach einer kurzen Erfrischung ging es erneut in die Innenstadt um nochmals etwas essbares zu mir zu nehmen. In dem wirklich tollen, und gar nicht so teuren Café musste ich mich dann aber doch nochmals aufregen, denn meine Tischnachbarn, ein paar indische Geschäftsleute, haben sich benommen wie die letzten Arschlöcher. Die Bedienung hat mir echt leid getan bei soviel Arroganz und Unverschämtheit, die Ihr entgegen gebracht wurde. Manche denken wohl wirklich, wenn sie mit ein paar Scheinen wedeln, dass sie sich alles erlauben können.

Tag 4 – Haifa

Heute hab ich wieder etwas länger geschlafen und bin um 9:15 Uhr, nach einem schmalen Frühstück auf der Dachterrasse, zum Bahnhof aufgebrochen, was 45 Minuten Fußmarsch bedeutete. Auch heute war es es recht heiß und als ich mich am Bahnhof durch den Körperscanner quälte, war ich schon leicht angeschwitzt. Mit mir warteten ebenfalls gut zwei dutzend Soldaten und Soldatinnen auf den Zug nach Haifa. In Israel besteht ja eine 3-jährige Wehrpflicht für alle, die in der Regel direkt nach der Schulzeit absolviert wird und so kamen mir einige der Rekruten und -innen noch fast wie Kinder vor, die zum Teil kaum ihr Gepäck in den recht modernen Zug wuchten konnten. Einer der Soldaten, der mit gegenüber saß und gerade den ersten Flaum im Gesicht bekam, hat dann auch am ganzen Körper gezittert, nachdem er seine zwei anscheinend mit Backsteinen beladenen Gepäckstücke unter den Sitzen verstaut hatte.

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Die etwas mehr als einstündige Fahrt nach Haifa, das im Norden des Landes, nahe der Grenze zum Libanon liegt, ging schnell vorbei und so stieg ich bei prallem Sonnenschein um kurz nach 11 Uhr aus dem Zug. Haifa ist, nach Jerusalem und Tel Aviv, die drittgrößte Stadt Israels und unterscheidet sich von den beiden recht stark. Die Stadt ist arabisch geprägt und gilt als Arbeiterstadt. Allerdings liegt hier auch der größte Hafen Israels über den die meisten Einwanderer hier gelandet sind. Im Zentrum liegt die deutsche Kolonie, die im Jahre 1869 von deutschen Templern aus Württemberg gegründet wurde. Hier führt eine Prachtstraße vom Hafen bis zum Fuße der ziemlich steilen Hügel, die direkt hinter der Innenstadt in die Höhe ragen. Gesäumt ist dieser Boulevard von pittoresken Häusern, die von den Templern errichtet wurden, heute aber großteils Cafés, Restaurants und Pensionen beherbergen. Am Ende der Straße, den Hügel hinauf befinden sich die hängenden Gärten des Bahai und auf halber Höhe auch dessen Schrein, der eigentlich kaum zu übersehen ist. Das Bahaitum ist eine noch relativ junge und kleine Universal- und Weltreligion mit ca. 8 Millionen Anhängern weltweit. Der Schrein stellt das größte Heiligtum der Anhänger dar, die fast überall der Verfolgung ausgesetzt sind. Der Garten ist wirklich wunderschön, kann aber leider nur teilweise begangen werden.

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Da mir der Aufstieg aber zu steil war, begab ich mich durch ein paar enge Gässchen in Richtung Hafen. Von dort aus sollte eigentlich eine Metro den steilen weg nach oben angenehm gestalten. Nach langem Suchen hab ich die Station endlich gefunden. Diese war aber komplett verrammelt. Wie ich erfuhr gab es im Frühjahr dort einen Brand und seitdem ist die Station geschlossen. Na toll. Also hab ich mir erst mal einen leckeren Shawarma geholt und überlegt, wie ich die Steigung am Besten überwinden soll. Laufen war angesichts der Temperaturen keine Option für mich. Kurzentschlossen entschied ich mich für den öffentlichen Bus, was sich aber als nicht ganz einfaches unterfangen herausstellte. Denn die Linienfahrpläne sind nur auf hebräisch und arabisch ausgehängt und die englische Sprache scheint auch nicht weit verbreitet zu sein. Dank der freundlichen Hilfe einiger Araber bestieg ich dann aber doch den richtigen Bus, der ächzend, stöhnend und mit letzter Kraft den Aufstieg bewältigte.

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Oben angelangt begab ich mich an den dortigen Eingang zu den Bahai-Gärten, von wo aus man einen traumhaften Blick über die Stadt und den Hafen hat. Eine wirklich gigantische Aussicht erwartet einen hier oben. Ebenso wie die obligatorische Sicherheitskontrolle inklusive Taschen und Körperkontrolle. Nachdem ich mich etwas an der Aussicht ergötzt hatte, trat ich wieder den Weg nach unten an. Auf halber Höhe konnte man dann nochmals ein kleines Stück des Gartens nahe des Schreins, der nur vormittags besichtigt werden kann, begehen. Da Haifa ansonsten nicht wirklich viel zu bieten hat, begab ich mich auf der Halbhöhe in Richtung Süden, von wo aus eine Seilbahn den Weg zum Strand abkürzen sollte. Leider waren es mehrere Kilometer dort hin und in der prallen Hitze war es ziemlich schweißtreibend, den Weg dorthin zu bewältigen. Der Ausblick entschädigte aber für den strapaziösen Fußmarsch. Total erschöpft bin ich dann an der Seilbahn angekommen, die den futuristischen Charme der 1970er-Jahre versprüht.

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Völlig fertig hab ich mich dann in das Teil gehockt und mich zum fast menschenleeren Strand abseilen lassen. Die Talstation befindet sich glücklicher Weise nicht weit vom Bahnhof entfernt und nachdem ich mich in einem kleinen Shop noch mit bitter nötigen Erfrischungsgetränken versorgt hatte, habe ich den Zug zurück nach Tel Aviv bestiegen, wo ich kurz nach 18:00 Uhr ankam. Pünktlich zum erneut wunderbaren Sonnenuntergang war ich dann auch wieder auf der Dachterrasse des Hostels angekommen. Nachdem ich mich etwas frisch gemacht und erneut in dem Café vom vorigen Tag zum Essen war, habe ich den tollen Tag dann noch mit ein paar Bieren ausklingen lassen und mich auf die morgige Abreise vorbereitet.

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Heimweg

Heute hieß es schon wieder: früh aus den Federn und erneut 45 Minuten zum Bahnhof laufen. Da um kurz nach 10 Uhr mein Flug ging wollte ich schon um 7 Uhr am Flughafen sein. Normalerweise bin ich ja nicht so frühzeitig vor Ort, aber angeblich dauert es in Israel doch etwas länger, um die Kontrollen hinter sich zu bringen. Und dies war auch der Fall. Denn ich habe es gerade so zum Boarding geschafft. Und das ohne zu trödeln. Warum gerade bei der Ausreise und nicht bei der Einreise so streng und genau kontrolliert wurde hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Wäre doch eher die Einreise eines potentiellen Schurken staatsgefährdender als die Ausreise. Oder hat man es vielleicht eher auf Spione abgesehen? Keine Ahnung. Jedenfalls begann die Kontrolle schon kurz nach Betreten des Flughafens. Bevor man zum Check In vorgelassen wird, muss man die erste Passkontrolle über sich ergehen lassen, wo einem in einem „unverfänglichen Gespräch“ ein paar Informationen über den Aufenthalt entlockt werden, die Einreisekarte kontrolliert und der Pass mit einem farbigen Nummerncode versehen wird. Was es mit den verschiedenen Farben der Aufkleber auf sich hatte erfuhr ich dann später. Jedenfalls hat es schon mal 30 Minuten gedauert, bis ich zum Schalter vor gelassen wurde. Und das, wo doch nur vier andere Ausreisewillige vor mir in der Schlange standen. Am Schalter ging‘s allerdings recht schnell, so dass ich nochmal kurz raus konnte, um eine zu rauchen.

Danach ging es zur Sicherheitskontrolle, wo die farbigen Nummernaufkleber wieder in‘s Spiel kommen. Denn ich hatte einen gelben und keinen Grünen. Die mit dem grünen durften weiter zur normalen Sicherheitskontrolle. Ich dagegen wurde in die Schlange zur expliziten Durchsuchung gebeten. Mit mir dort in der Reihe standen ausschließlich deutsche, russische und palästinensische Staatsangehörige, die zur Sonderbehandlung gebeten wurden. Auf welchem Konzept diese Auswahl beruht und ob es weitere Risikogruppen gibt, war mir nicht möglich, in Erfahrung zu bringen. Da die Kontrolle recht intensiv war, dauerte es auch hier entsprechend lange. Da wurden die Sachen mehrfach gescannt, Sprengstofftests gemacht, gefragt, was im Rucksack war und was man am Körper trug. Jede Antwort die ein wenig Unsicherheit vermittelte wurde dabei mit strengem, skeptischem Blick bedacht. Der Radiergummi aus dem Schreibmäppchen der Russin vor mir wurde dann noch für etwa fünf Minuten von drei Sicherheitsbeamten unter die Lupe genommen und auch mein Rucksack bis auf die letzte, dreckige Unterhose entleert. Was für ein Aufwand!

Hab‘s dann aber doch noch geschafft, die Sicherheitsleute von meiner Unbescholtenheit zu überzeugen und konnte ohne Wartezeit am Gate den Flieger über Istanbul nach Stuttgart besteigen, wobei mir die Temperatur von 31°C bei meiner Ankunft in heimischen Gefilden angenehm frisch vorkamen. So viele neue Eindrücke habe ich in viereinhalb Tagen lange nicht mehr gehabt und hatte auch im Anschluss noch einige Zeit damit zu tun, das Erlebte zu verarbeiten und mir Gedanken zu machen. Ein Trip, der sich für mich mehr als gelohnt hat!